Mich sprechen Romane sehr an, die sich mit der Lebensrealität von nicht mehr ganz jungen Frauen beschäftigen. Lassen wir die Euphemismen. Romane, die sich mit der Lebensrealität von älteren Frauen beschäftigen. Oft genug werden Frauen und ihre Themen ab einem gewissen Alter unsichtbar und irrelevant, nein, ich korrigiere: für den männlichen Blick sind sie es eigentlich immer. Die Erzählerin Lina in Irene Prugggers neuem Roman „Das Jahr der Verluste“ kann mit ihren 60 Jahren durchaus als Frau beschrieben werden, der bewusst ist, dass mehr Zeit hinter ihr liegt als vor ihr. Umso erschütterter ist sie, als ihr Mann Lois, mit dem sie seit Ewigkeiten verheiratet ist, ihr eröffnet, dass er die Scheidung möchte. Er hat eine andere.
Gut, Lina fand die Ehe selbst nicht mehr aufregend, aber man hat sich aneinander gewöhnt. Lina dachte, das Versprechen hieß, bis dass der Tod euch scheidet.
Jetzt muss sie aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, die Lois gehört und ihre Arbeitsstunden aufstocken, damit sie finanziell über die Runden kommt. Prugger erzählt mit Lina das typische Schicksal einer Frau, die wegen der Ehe und der Kinder lange beruflich zurückgesteckt hat und jetzt nach der Scheidung dafür abgestraft wird.
Das Jahr der Verluste – ein annus horibilis?
Lina struggelt, wie wir heute sagen. Sie fühlt sich aus ihre alten Lebensrealität herauskatapultiert und muss sich nun daran erinnern, dass sie es auch alleine schaffen kann. Aber erst mal kämpft die Erzählerin mit dem starken Gefühl der Einsamkeit und des Verlassen seins.
Wie findet man den Mut, einen Neuanfang zu wagen, wenn keine Zukunft vor einem liegt, sondern nur noch Zeit, wie Lina es sagt?
Ich finde, Prugger erzählt Lina Geschichte mit einer humorvollen Leichtigkeit, ohne ins Triviale abzugleiten. Die Themen sind durchaus nicht leicht, Prugger spart Krankheiten und Vergänglichkeit nicht aus, sie kommen aber leichtfüßig daher. Es gibt durchaus Drama, aber immer pragmatisch und niemals dramatisch.
Mir gefällt es besonders, dass sich die Figuren durchaus auf weibliche Solidarität verlassen können, die über die Generationen hinausgeht. Eine Geschichte von wieder entdeckter Stärke und Vertrauen, mit leichter Hand erzählt. Schön!
Vielen lieben Dank an den österreichischen Haymon Verlag für das Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Irene Prugger für ihren neuen Roman!





Schreibe einen Kommentar