FRAU FÜNF von Juliane Baldy

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Frau Fünf Juliane Baldy Rezension

Martin Mustermann verlässt Mirjam Hirsch. Obwohl sie verlobt sind, zieht er nach 10 Jahren Beziehung so einfach aus der gemeinsamen Wohnung aus.

Und Mirjam dreht dann ein bisschen durch. Fühlt sich komplett verarscht von diesem Arschloch. 10 Jahre Lebenszeit! Sogar das Rauchen hatte sie für ihn aufgegeben. Mirjam vermutet, dass Martin längst eine andere hat.

„Nie im Leben würde er seinen faulen breitgesessenen Arsch freiwillig aus dieser Bude bewegen, wenn nicht eine andere auf ihn warten würde. Der wird sich noch umgucken, was passiert, wenn die ihn beim Pornoglotzen erwischt, elender Bock! Er wird sich noch zurücksehnen. Arschloch.“

Mirjam beschließt, Martin zu stalken, um mehr über seine neue Freundin herauszufinden. Und noch etwas beschließt sie: Sie wird sich nie mehr für andere Menschen verbiegen, sondern sich nur noch um sich selbst kümmern.

„Viel zu viele Stunden, Tage, ach, JAHRE hat sie damit vergeudet, anderen Leuten zuzuhören und Verständnis und Mitgefühl vorzuheucheln. Ab jetzt wird es nur noch um sie gehen.“

Das ruft Frau Fünf auf dem Plan, Mirjams Alter Ego, eigentlich ein Pseudonym, das sie erfunden hat, um auf gigolo.com einen Callboy zu engagieren. Frau Fünf übernimmt immer dann das Steuer, wenn Mirjam sich klein fühlt oder einfach Lust hat, ihren Willen durchzusetzten. Dann sagt Frau Fünf wo es langgeht und zwar laut.

Wer ist Frau Fünf?

Dabei werden zwangsläufig ein paar Grenzen überschritten, denn bedingungslose Selfcare geht manchmal nahtlos in Rücksichtslosigkeit über.

Ist das endlich der Weg zur weiblichen Selbstbestimmung?

Der Roman ist ein echter Ritt und hat mir ultra viel Spaß gemacht und mir richtig gut gefallen. Ich liebe es wenn Frauenfiguren komplett frei drehen und sich aus Rollenbilder emanzipieren. Baldy verwendet in ihrem zweiten Roman slapstickartige und surreale Überzeichnungen, die großes Tempo in den Roman bringen.

Aber Baldy zeigt in ihrer liebenswerten und der Rationalität enthobenen Protagonistin auch eine Verletztlichkeit, die mit der in GROSSBUCHSTABEN schreienden Übertreibung und Action kontrastiert. Sie zeigt, dass auch laute und selbstbewusste Frauen* verletzt werden können und Stärke alleine manchmal nicht ausreicht, um sich zu schützen. In dem vordergründig lustigen Roman, der Trennungsklischees sowohl karikiert als auch konterkariert, steckt jede Menge feministische Gesellschaftskritik.

Ich könnte vielleicht eine leichte fehlende Stringenz in der Plotentwicklung und dem Spannungsbogen kritisieren, aber dafür gefällt mir Baldy mit großen Sprachwitz  („Mrenate“ und „Melsbeth“) und ihrem sehr zeitgenössischen und innovativen Erzählstil!

Nach der vielen sehr schweren und sehr selbstironiefreien Literatur, die ich sonst gerne lese, war „Frau Fünf“ definitiv eine sehr willkommene und sehr erfrischende Abwechslung. 

  • Juliane Baldy
  • Frau Fünf Juliane Baldy Klappentext

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