Der Roman „GPS“ hat mir mal wieder gezeigt, warum ich so den unabhängigen Matthes & Seitz Verlag so schätze. In seinen Programmen finde ich immer wieder ein paar ganz besondere Perlen.
Wie eben zum Beispiel „GPS“ der französischen Schriftstellerin und Regisseurin Lucie Rico.
Ihre Erzählerin Ariane (ihren Namen erfahre ich erst spät im Roman) lebt sehr zurückgezogen in ihrer kleinen Wohnung und vermeidet die Außenwelt wo sie nur kann. Als Journalistin schreibt sie Artikel über Verbrechen für kleinere, lokale Zeitungen, was sie remote erledigen kann. Als ihre beste Freundin Sandrine sie zu ihrer Verlobungsfeier in einer Parkanlage einlädt, zögert sie erst, kann sich dann aber doch durchringen, die Party zu besuchen. Sie freut sich darauf Sandrine wiederzusehen, kann deren zukünftigen Mann John aber nicht leiden.
Während dieser Verlobungsfeier verschwindet Sandrine spurlos.
Vor der Party hatte sie noch ihren GPS-Standort mit der Erzählerin geteilt, damit sie leichter zur Location findet. Jetzt verfolgt die Erzählerin diesen roten Punkt auf ihrem Display und versucht anhand seines Standortes herauszufinden, warum Sandrine von der Party verschwunden ist.
Sie spekuliert über Sandrines Motive und lässt ihre gemeinsame Vergangenheit Revue passieren. Mysteriöserweise scheint sich der rote Punkt (Sandrine) auf Orte ihrer gemeinsamen Vergangenheit zuzubewegen.
Die Erzählerin verliert sich immer mehr in der digitalen Welt der GPS-Karte, auf der sich der Punkt bewegt. Dann wird an einem See, an dem sich auch der Punkt aufgehalten hat, eine verbrannte Leiche gefunden…
Ja, dieser Roman liest sich wirklich teilweise spannend wie ein Thriller und enthält ähnliche Elemente. Mich erinnert die Art, wie die eingekapselte Erzählerin aus ihrer Wohnung heraus das Geschehen auf ihrem Smartphone verfolgt, sehr stark an „Das Fenster zum Hof“, wobei Rico allerdings im Unklaren lässt, wieviel der Handlung vielleicht nur im Kopf ihrer Erzählerin stattfindet.
Bist du ohne GPS orientierungslos?
Und es ist nicht wirklich ein Thriller, dafür arbeitet Rico viel zu literarisch. Nach meiner Lesart bieten sich verschiedene Interpretationsansätze an und ich finde, das obsessive Verfolgen des GPS-Punkts, der für die Freundin Sandrine steht, könnte für die späte Aufarbeitung ihrer Freundschaft stehen. Oder auch als Prozess des Loslassens und der Trauerarbeit, dass ihre Freundschaft sich nach der Verlobung ändert (oder endet?). Außerdem folgt die Protagonistin Ariane dem GPS ähnlich wie einem Ariadnefaden (beachte die Namensähnlichkeit) durch unsere verwirrende, labyrinthische und angstauslösende moderne Welt.
Interessant finde ich auch, das sich Rico für die zweite Person Singular, also das „Du“ als Erzählposition entschieden hat, also eine zusätzliche Beobachtungspostion, was das Thema des Romans aufgreift.
Der Roman liest sich ausgesprochen spannend und schnell, auch wenn Rico kurz vor dem beschleunigten Schluss abrupt das Tempo drosselt, bis es mit Ein-Satz-Seiten quasi zum Erliegen kommt. Mir macht so was großen Spaß, das könnte aber, genauso wie der interpretationsoffene Schluss, für manche Leser*innen eventuell zu experimentell wirken.
Aber für alle, die gerne besondere literarische Spannung entdecken wollen, ist „GPS“ eine echte Empfehlung!
Vielen lieben Dank an Matthes & Seitz Berlin für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Lucie Rico für die deutsche Übersetzung ihres Romans!
Aus dem Französischen von Milena Adam




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