Kannst du dich noch an den Schluss der großartigen Serie „Mad Men“ erinnern, als Don Draper in einer Therapiestunde die Geschichte des Mannes mit dem Kühlschrank hört und dann anfängt zu weinen? An diese emotionale Szene muss ich oft denken, während ich den neuen Roman „Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks“ der österreichischen Autorin Caro Reichl lese.
Ein Kühlschrank spielt nämlich in ihrem Roman sowohl eine reale Rolle wie auch im übertragenen Sinn.
Eine Frau redet mit ihrem Kühlschrank. Sie ist offensichtlich bereits älter, hat eine erwachsene Tochter, und ihr Mann hat sie wohl verlassen, was sie sehr schmerzt. Es bleibt ihr einzig der Kühlschrank als unterkühlter und schweigsamer Gesprächspartner.
Im Laufe des Romans erfahre ich mehr. Reichl geht in Episoden in die Kindheit, Jugend und das Erwachsenenleben der Ich-Erzählerin zurück. Und ich lerne ihre Freundin Almut kennen, einst der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Die beiden Mädchen und später Frauen verbindet eine tiefgehende Freundschaft, die aber nicht ohne Ambivalenzen, Neid und Konkurrenzgefühle ist.
Die Ich-Erzählerin ist eine Frau, deren erstes Lebensziel immer ein liebevoller Ehemann und eine kleine Familie war, ganz im Gegensatz zu Almut.
Als Almut, die als Kind auch gerne mal unwahre Geschichten erzählt hatte, ihr etwas wahrhaft unglaublich Schlimmes über ihren Mann erzählt, zerbricht die Freundschaft. Doch im Laufe des Lebens bringen merkwürdige Verkettungen die beiden Frauen immer wieder in Kontakt…
Das dreiste Schweigen meines Kühlschrank – oder wie es in den Kühlschrank ruft, schallt es heraus
Okay, ich könnte jetzt vielleicht sagen, es sind der Zufälle und Verkettungen ein bisschen zu viele, um glaubhaft zu sein, aber es ist irgendwo dieses Spiel mit der Realität, das Reichls Roman so spannend macht. Ihre Erzählerin ist vielleicht nicht ganz zuverlässig und es ist nicht ganz klar, wie viel von ihrer Wahrheit sie dem Kühlschrank verschweigt.
Ich schätze den österreichischen Leykam Verlag für seine unkonventionellen literarischen Verlegungen, zu denen ich auch „Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks“ zählen würde. Nicht bei jedem Roman geht sich dieses Konzept für mich aus, aber Caro Reichls verdichteter Roman ist ein echter Volltreffer.
Ich möchte jetzt unbedingt noch „Was glänzt, verschwindet mit uns“ lesen, ihren Debütroman, der mich nach seinem Erscheinen 2024 wegen seiner etwas unspektakulären Kurzbeschreibung nicht gereizt hatte.
Vielen lieben Dank an den Leykam Verlag für das spannende Rezensionsexemplar und an die Wolkenlos Agentur für die Vermittlung. Danke und viel Erfolg an Caro Reichl für ihren neuen Roman!




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