ch habe mich mega gefreut, als ich “Orca” von Franziska Gänsler auf der Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis entdeckt habe. Ihre Romane “Ewig Sommer” und “Wie Inseln im Licht” hatten mir richtig gut gefallen und ich war sehr auf ihren neuen Roman gespannt. Als Erstes fällt mir bei “Orca” auf, um wie viel dicker das Buch als die Vorgängerromane ist.
Und ja, ich finde, Gänsler nimmt sich bei “Orca” viel mehr Zeit, die Geschichte und die Charaktere sorgfältig aufzubauen.
ORCA sind die Buchstabenfolgen, die sich Gänslers Protagonistin und Ich-Erzählerin selbst auf die einzelnen Finger tätowiert hat, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der Namen von Olympia, Rena, Cora und Ariel, eine ganz besondere Freundinnengruppe.
„Wir waren wie die Orcas in dem Video, das Olympia mir gezeigt hatte. Orcas, die eine Jacht attackierten, sie zum Kentern bringen, spielen wollten.“
Die Ich-Erzählerin Cora kommt über ihre Freundschaft mit Olympia in eine Art Aktivistengruppe, die sich gegen Umweltzerstörung und Klimawandel engagiert. Sie leben kommunenartig in einem großen Haus und planen dort ihre nächsten Demonstrationen und möchten dort autark ihre eigenen Lebensmittel anbauen. Cora ist fasziniert von der selbstbewussten Olympia und sehnt sich nach ihrer Anerkennung und möchte zur Gruppe gehören. In der elitären Schule, in die sie geht, hat sie nur durch ein Förderprogramm und gute Leistungen Zugang bekommen, was sie ihre Mitschüler*innen sie deutlich spüren lassen.
Klassenunterschiede nehmen einen großen Raum in Gänslers neuem Roman ein. Der Erzählerin, die aus der unteren Mittelschicht stammt, und ihren Freundinnen stellt Gänsler als Kontrast die Familie von Lilian mit ihren unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten gegenüber.
Der Roman spielt auf zwei Erzählebenen: in der aktuellen Jetzt-Zeit arbeitet Cora an der Fleischtheke eines Supermarktes und hört von Olympias Verhaftung. Es ist klar, dass in der Vergangenheit etwas passiert sein muss. Die zweite, weitaus umfangreichere Erzählebene spielt in der Vergangenheit und liegt vor jenen unbekannten Ereignissen, die zur Verhaftung von Olympia führten.
Wie die „Orca“
Was aber genau geschah, wird erst ganz am Schluss aufgelöst, was den Roman ziemlich spannend macht. Eine Technik, die Gänsler auch schon bei ihren anderen Romanen gekonnt angewandt hat.
Und auch dieser Roman entwickelt wieder eine große Sogwirkung beim Lesen, je weiter ich in die Geschichte vordringe. Gänsler beschreibt psychologisch und emotional nachvollziehbar, wie der Wunsch nach Zugehörigkeit und Anerkennung Grenzen überschreiten lässt. Hast du schon Dinge getan oder gesagt, von denen du wusstest, dass sie sind falsch sind, dir aber in deiner Peergroup Anerkennung verschaffen würden?
Außerdem stellt der Roman die immer aktuelle Frage, inwieweit friedlicher und gewaltfreier Aktivismus das Potential hat, Veränderungen zu bewirken. Cora und ihre Freundinnen wollen etwas verändern und sind bereit, dafür über Grenzen zu gehen. Sind sie auch bereit, die Konsequenzen ihrer Handlungen abzusehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen?
Wann übernimmst du Verantwortung?
Für mich hat sich das Warten auf den neuen Roman von Franziska Gänsler absolut gelohnt, denn ich wurde mit aufregenden Lesestunden belohnt.
Vielen lieben Dank an den unabhängigen Schweizer Kein & Aber Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Franziska Gänsler für ihren neuen Roman und natürlich für den Deutschen Buchpreis!





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