Virginia Tangvald ist eine kanadische Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin und ihr Debütroman „Wir Kinder der offenen See“ ist stark autobiografisch fundamentiert, jedoch mit autofiktionalen Verdichtungen ihrer Recherchen.
Tangvalds Vater war der bekannte norwegische Abenteurer und Segelpionier Peter Tangvald, der zusammen mit seiner kleinen Tochter, Tangvalds Halbschwester, bei einem Schiffbruch in der Karibik unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Nur Tangvalds Halbbruder, der junge Thomas, überlebte knapp und traumatisiert den Untergang des Segelbootes.
In ihrem Roman begibt sich Tangvald, die selbst auf offener See geboren wurde, auf eine Spurensuche in die ungewöhnliche Geschichte ihrer Familie und nach den Ursachen jener Tragödie.
Wobei die Ursache schnell ausgemacht ist: Dreh- und Angelpunkt des Romans ist ihr Vater Peter Tangvald, der jeglichen Konventionen trotzend immer ein Leben nach seinen eigenen Regeln führen wollte. Im Laufe seines Lebens heiratete er mehrere Male, immer junge Frauen, obwohl er selbst immer älter wurde und zeugte einige Kinder. Zwei seiner Frauen starben auf ungeklärte Weise. Virginia Tangvald forscht auch zu diesen Todesfällen nach und äußert in ihrem Roman einen schrecklichen Verdacht.
Wir Kinder der offenen See – zwischen True-Crime und Memoir
Sie zeichnet ihren Vater als narzisstischen Menschen, der nach außen unglaublich charismatisch wirkte und mit seinem Streben nach Freiheit viele anstecken konnte. Doch die meisten konnten ihm nicht dauerhaft folgen. Tangvald beschreibt, wie ihr Vater auf seine Frauen und seine Kinder blickt: er sah sie als Trophäen und Besitz und nicht als eigenständige Menschen. Empathie, Liebe und Einfühlungsvermögen scheinen ihm fremd. Sein Sohn Thomas, mit dem Tangvald in vorsichtigem Kontakt stand, ist als Erwachsener zerstört und verloren und verschwindet schließlich selbst auf dem Wasser.
Wie diese Familiengeschichte Tangvald selbst prägt, wird ihr erst allmählich während der Aufarbeitung und während der vielen Gespräche mit den Überlebenden aus Peter Tangvalds Egotrip bewusst.
Mich hat der Roman unglaublich gefesselt und es wundert mich nicht, dass Tangvald damit und mit dem gleichzeitig erschienenen Dokumentarfilm 2024 internationale Erfolge feierte. Jetzt ist das Buch glücklicherweise auch auf Deutsch erschienen und kann es nur jedem empfehlen, der sich für ungewöhnlichen Lebensgeschichten interessiert. Besonders sprach mich der dokumentarische True-Crime-Charakter des Buches an, der (für mich) eigentlich keinen Zweifel offenlässt, was sich auf hoher See zugetragen haben könnte.
Außerdem demaskiert Tangvald den weit verbreiteten Mythos vom freiheitsliebenden, unkonventionellen und natürlich männlichen Abenteuertyp, der in Wirklichkeit einfach nur ein rücksichtsloser Narzisst ist, der nichts als verbrannte Erde und Trauma hinter sich lässt.
Für mich ein frühes Highlight meines Bücherherbstes
Vielen lieben Dank an Penguin Literatur für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Virginia Tangvald für ihren Roman!
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens, die leider letztes Jahre viel zu früh verstorben ist.





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