Luka Leben unterrichtet Kreatives Schreiben sowie Kunst und Gestaltung und illustriert Kinder- und Jugendbücher. „Nachts nur das Rauschen“ ist nach einigen veröffentlichten Kurzgeschichten ihr erster Roman.
Und ich fand ihn ganz arg großartig!
Leben erzählt davon, wie das Liebespaar Jule und Elias Eltern wird. Das Kind ist ein absolutes Wunschkind. Aber ziemlich bald nach der Geburt des Kindes wird vor allem Jule klar, dass die Freuden der Mutterschaft nicht wie erwartet eintreten. Stattdessen hat sie das starke Gefühl, dass mit ihrem Kind irgendetwas nicht stimmt. Komplette Überforderung, Ängste und Sorgen beherrschen nun ihren Alltag.
„Jule war, als wäre in dem Kind ein unergründlicher Raum, als verdichte sich in seinem kleinen Körper die Ferne, als treibe es haltlos durch das All und ihre Aufgabe wäre es, die Gravitation geltend zu machen. Ihr war, als würde das Wesen, dessen Existenz zumindest sein Unwille bewies, ohne ihre ununterbrochene Bemühung unkenntliche Formen annehmen und der Welt für immer fremd bleiben.“
Elias hingegen hat dafür wenig Verständnis, und das Paar distanziert sich zunehmend. Leben beschreibt damit eine Dynamik, die wahrscheinlich viele junge Eltern kennen und die oft zur Trennung im ersten Jahr nach der Geburt führt.
Als das Kind entscheidende Entwicklungsschritte versäumt und nicht anfängt zu sprechen, wird es bald auch für andere deutlich: Irgendetwas stimmt nicht. Es ist schmerzhaft, zu lesen wie verzweifelt sich Jule um medizinische Abklärung, Hilfe und Unterstützung bemüht, aber sich niemand wirklich zuständig fühlt.
Nachts nur das Rauschen – nicht alleine und doch von der Welt abgeschnitten
Der Alltag mit dem Kind, der nur mit streng geregelten Routinen für das Kind irgendwie funktioniert, bringt Jule an den Rand der Erschöpfung und Verzweiflung. Bis sie schließlich eine Logopädin findet, die endlich einen Zugang zu dem Kind herstellen kann. Auch eine Mutter-Kind-Kur soll neue Impulse bringen. Und zwar nicht nur für das Kind.
Wann ist es Zeit loszulassen? Ist das normal funktionierende Kind nur ein unerreichbarer Wunschtraum? Wo endet bestmögliche Förderung und geht in einen Zwang zur normativen Anpassung über?
Luka Leben verwebt in ihrem emotionalen und fesselnden Roman ganz viele Fragen, die mich als Elternteil ebenfalls beschäftigen. Dabei gibt sie den Lesenden nie einfache Antworten vor. Klar würde ich Elias gerne in der Rolle des männlichen Care-Verweigerers sehen, aber das ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Die Wechselwirkungen aus Rollenbildern, gesellschaftlichem Druck und persönlichem Ehrgeiz sind komplex und können oft nicht mit einem einfachen Ruf nach mehr Gleichberechtigung zur Seite gewischt werden. Der Roman ist umso mehr ein Appell für viel mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für unsichtbare Behinderungen und Diversitäten.
Für mich war dieser großartig aus verschiedenen Perspektiven erzählte Roman ein Highlight des Leseherbstes, dem ich mich ganz viele Leser*innen wünsche!
Vielen lieben Dank an den unabhängigen Otto Müller Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Luka Leben für ihren Roman!




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