Geraldine Oetken ist Künstlerin, freie Journalistin und Autorin und stammt aus einer etablierten Unternehmerfamilie aus Oldenburg in Niedersachsen. Sie selbst beschreibt ihre Kindheit und ihr Aaufwachsen sowie ihre jetzige Lebenssituation als reich und privilegiert. Sehr offen thematisiert sie in „Frieda“, dass erst diese Privilegien ihr ermöglichten, drei Jahre zum Leben ihrer Urgroßtante Frieda zu recherchieren.
„Frieda Meta Christiane Helms, geboren am 22. Dezember 1881 in Wildeshausen. Gestorben am 5. Februar 1941 im Kloster Blankenburg.“
Frieda lebte mit einer Behinderung in einem Pflegeheim und starb dort während der NS-Diktatur, den offiziellen Unterlagen zufolge während eines epileptischen Anfalls. Doch es ist bekannt, dass während des Nationalsozialismus viele Menschen bei der „Aktion T4“ beziehungsweise der NS-Euthanasie-Verbrechen ermordet wurden.
War auch Frieda ein Opfer der wahnhaften Nazivorstellung von der Bedrohung der Volksgesundheit durch kranke oder behinderte Menschen?
In „Frieda“ verbindet Oetken ihre persönliche Familiengeschichte mit der historischen Aufarbeitung der NS-Krankenmorde. Ein Großteil ihrer Recherchen betrifft auch die Geschichte des Klosters Blankenburg, das damals eine Heil- und Pflegeanstalt war, wie es sie viele in ganz Deutschland gab.
Oetken sucht in Archiven nach Aufzeichnungen und nach Spuren von Frieda und stößt auch immer wieder auf andere Einzelschicksale.
Wer war Frieda?
Viele Informationen gibt es nicht. Auch in ihrer eigenen Familie gibt es eigene Erzählungen und Legenden aus der NS-Zeit. Die Antwort auf die Fragen warum Frieda in einer Anstalt gelebt hat und nicht zu Hause betreut wurde und der Staat die Kosten ihrer Unterbringung übernehmen musste, gehört nicht dazu.
Oetken scheut sich nicht, das Verhalten ihrer mittlerweile verstorbenen Familienmitglieder während der Nazizeit kritisch zu analysieren und zu benennen, dass die Firma durch Identifikation und Verkörperung von nationalsozialistischem Gedankengut profitiert hat. Sie waren Nazis und Teil des Systems. Bis heute profitiert die Familie vom damals aufgebauten Wohlstand und Einfluss.
Meiner Meinung nach hätte Oetken diesen Umstand und den unauflösbaren Widerspruch, in dem sie sich selbst damit befindet, noch klarer herausarbeiten können. Auch der Bezug zum heute wieder erstarkenden rechten Gedankengut, das eine Abstufung von Menschenleben nach vermeintlichem Wert vornehmen will, kommt in meinen Augen viel zu kurz. Stattdessen verliert sich Oetken in den letzten Seiten in Anrufungen Friedas, die ich tendenziell als zu pathetisch empfinde.
Ich fand die Stärke des Buches liegt in den detaillierten Einblicken in die Aktenlage der Heilanstalten und was sie über den Umgang und den Verbleib ihrer Bewohner*innen verraten.
Was für ein Mensch Frieda war und wie sie wirklich gestorben ist, bleibt leider weiter weitestgehend im den Dunkeln, dafür gibt es zu wenig Unterlagen und Zeugnisse.
Umso wichtiger sind Bücher und Autor*innen, die sich gegen das Vergessen stellen und den Mut haben, in der eigenen Familie nach dem Nazi-Anteil zu suchen.
Vielen lieben Dank an die S. Fischer Verlage für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Geraldine Oetken für ihr Buch!





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