Manchmal habe ich richtig Lust auf einen so richtig oldfashioned Gruselroman voller Wahnsinn, Angst und Gewalt. Und natürlich bitte in literarischer Ausführung. „Goliaths Auge“ ist dafür ein absoluter Volltreffer! Der einzige Haken ist, dass er „leider nur“ 200 Seiten hat und somit ziemlich schnell konsumiert, denn aus der Hand legen kannst du das Buch nicht mehr, wenn du einmal angefangen hast.
Wie die auf dem Klappentext referenzierten Werke von Robert Louis Stevenson und Edgar Allan Poe verschachtelt Muzzio seine Geschichte genretypisch in verschiedene Rahmenhandlungen. Auf der ersten Ebene lese ich vom Psychiater Dr. Pierce, der in seinem Institut in den 1920ern in Edinburgh einen merkwürdigen neuen Patienten angeliefert bekommt. Der Erste Weltkrieg ist gerade erst vorbei und der wahnsinnige Kriegsmoloch hat unzählige innerlich wie äußerlich versehrte Männer zurückgelassen. Auch der neue Patient von Dr. Pierce erlebte Schreckliches in den Schützengräben, doch sein Wahnsinn entstand während eines Wartungsaufenthaltes auf einem Leuchtturm. Und zwar nicht auf irgendeinem Leuchtturm, sondern auf einem mitten im Ozean gelegenen Leuchtturm namens Goliaths Auge, der berüchtigt und unbesetzt ist, seit sein früherer Leuchtturmwärter sich dort das Leben genommen hat.
Was Bradley, der Patient während seines einsamen Aufenthalts auf dem Leuchtturm erlebt hat, kann ich praktischerweise in seinen erhaltenen Tagebucheinträgen nachlesen. In seinen verstörenden (!) Tagebucheinträgen…
Goliaths Auge is watching you!
Also ich finde es schon ziemlich gruselig, wenn in altmodischer Sprache von Mördern, ausgestopften Tieren, menschenfressenden Vögeln und dem Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben wird. „Goliaths Auge“ besticht mit unglaublich authentischer düsterer und wahnhafter Atmosphäre und seinen unzuverlässigen Erzählern. Dabei geht es Diego Muzzio nicht nur um gruselige Effekte, sondern auch viel um die Psychologie seiner Figuren.
Zweifellos haben sie große Schuld auf sich geladen, die sich jetzt wahnhaft manifestiert. Das Grauen, das die Menschen in Kriegen (und auch ohne) selbst über sich bringen, und die Verheerungen, die dadurch in den Seelen entstehen, prangert Muzzio unmissverständlich an.
Besonders gefreut hat mich die kleine Referenz an eine wahre Geschichte, die auch Emma Stonex fiktiv in „Die Leuchtturmwärter“ bearbeitet und an die ich während des Lesens von „Goliaths Auge“ öfter denken musste.
Ein großes Dankeschön an den mare Verlag für das spannende Rezensionsexemplar, das genau in das Programm des maritim ausgerichteten Verlags passt. Danke und viel Erfolg an Diego Muzzio für die deutsche Ausgabe seines Romans!
Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt





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