Für mich ist „Lügen im Paradies“ der erste Roman der französischen Schriftstellerin Colombe Schneck, von der ich jetzt gerne noch mehr lesen möchte. Schneck gilt wie Annie Ernaux oder Edouard Louis als eine Meisterin des autofiktionalen Erzählens, allerdings aus einem gediegeneren Milieu heraus.
Auch der Roman „Lügen im Paradies“ hat einen autofiktionalen Hintergrund und basiert auf echten Erinnerungen, Gesprächen und Recherchen.
Die Erzählerin des Romans, Colombe, verbrachte als Kind immer ihre Ferien bei einer Gastfamilie in den Schweizer Bergen. Ins „Home“, wie sie dieses kleine, private Ferienlager nennen, geben viele betuchtere Eltern ihre Kinder, wenn sie gerade mit deren oder ihren eigenen Problemen überfordert sind. Manchmal nicht nur über die Ferien, sondern auch für längere Zeit. Auch die Situation in Colombes Elternhaus ist schwierig. So genießt sie die Stabilität, Geborgenheit und Gemeinschaft, die das „Home“ ihr bietet.
Als Erwachsene denken viele der ehemaligen Kinder, die das „Home“ besucht hatten, voller verklärter Sehnsucht an diesen Ort ihrer Kindheit zurück.
So auch Colombe.
„Wir sind über fünfzig und tun noch so, als könne nichts unser Leben zerstören. Wir halten die Kindheit für eine perfekte Insel, an die niemand rühren darf.“
Doch neben der Nestwärme herrschten dort strenge Regeln. Wandern, Skifahren und körperliche Ertüchtigung sind die Haupttagesordnungspunkte. Oft bis zur völligen Erschöpfung.
Das Ehepaar, das das „Home“ leitet, hat selbst zwei Kinder, Vava und Patou, an die Colombe als Erwachsene oft denken muss.
Sie erinnert sich, wie streng die beiden oft von ihren Eltern behandelt wurden und wie oft sie gedemütigt wurden.
Was ist aus den beiden geworden und wie war die Zeit im „Home“ wirklich ohne den Schleier der nostalgischen Verklärung?
„Was habe ich nicht gesehen oder nicht sehen wollen?“
30 Jahre nach ihrer Zeit in der Schweiz fühlt sich Colombe bereit, näher hinzuschauen und herauszufinden, was von dem Kindheitsidyll geblieben ist.
Sie spricht mit anderen Ehemaligen, wie sie die Zeit im „Home“ empfunden haben. Sie sucht vor allem die Perspektiven von Vava und Patou, für die das „Home“ keine Ferien, sondern Alltag war.
Ich mag natürlich generell autofiktionale Literatur und Spurensuchen in der Vergangenheit. Und auch wenn der Romantitel „Lügen im Paradies“ nicht so klingt, so ist Schnecks Retroperspektive äußerst komplex. Es geht hier nicht (nur) darum, verdrängte Misshandlungen in einer vermeintlich heilen Kindheit aufzudecken. Das würde dem Anspruch Schnecks nicht gerecht.
Vielmehr muss ich, während ich den Roman lese, oft an Rilkes Gedicht „Das Karussell“ denken. Und an die nostalgische Verklärung der Kindheit darin (Sorry, der Deutsch LK hat sich scheinbar bei mir auch selbst nostalgisch verklärt).
Schneck hält sich mit ihrer eigenen Einordnung dieser Zeit sehr zurück und lässt die geschilderten Ereignisse für sich sprechen. Da sind auf der einen Seite die Beschreibungen der körperlichen Torturen und die Demütigungen, die sie miterlebt. Auf der anderen Seite aber auch ein Gefühl der Bestärkung und der Resilienz, die später als Erwachsene für sie noch relevant werden wird.
„Lügen im Paradies“ ist also kein Roman, der mir einfache Antworten vorgibt, sondern der einen Rahmen für Reflexionen eröffnet.
Jetzt bin ich super neugierig, ob die „Paris Trilogie“, die Schneck vor diesem Roman veröffentlich hat, stilistisch ebenfalls ähnlich gehalten ist. Ich hoffe, ich kann es irgendwann herausfinden.
Vielen lieben Dank an den Rowohlt Verlag für das interessante Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Colombe Schneck für die deutsche Übersetzung ihres Romans!
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz


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