Natürlich wollte ich nach „Die Harpyie“ (2021) und „Vom Ende an“ (2017) den neuen Roman von Megan Hunter lesen! Nach diesen beiden Romanen erwartete ich wieder ein dezidiert feministisches und aufregendes Buch. Aber „Tage des Lichts“ hat mich ziemlich überrascht, denn es ist eben nicht so, wie ich es erwartet hatte.
Hunter erzählt in ihrem neuen Roman aus dem Leben ihrer Protagonistin Ivy, und zwar chronologisch in Ausschnitten von sechs Tagen, die in verschiedenen Jahren liegen und Jahrzehnte von 1938 bis 1999 umfassen.
1938 ist Ivy eine junge Frau von 19 Jahren und noch unsicher, welche Richtung sie in ihrem Leben einschlagen soll. Und obwohl die Möglichkeiten für eine Frau zu der Zeit doch begrenzt sind, würden ihr die finanziellen Mittel und die unkonventionelle Lebensart ihrer Familie doch verschiedene Wege ermöglichen.
„Vielleicht konnte sie ja wirklich aufhören, nach etwas zu streben. Sie konnte alles tun, weil es ihr Freude bereitete, ohne sich um die Zukunft zu scheren oder darum, was aus ihr einmal werden sollte.”
Doch genau an diesem Ostersonntag 1938 erlebt Ivy mit, wie ihr Bruder, der sich gerade frisch verlobt hatte, auf mysteriöse und ungeklärte Weise verschwindet. Dieses rätselhafte und traurige Ereignis verändert die komplette Familiendynamik und Ivys Leben für immer.
Sie heiratet einen wesentlich älteren Freund der Familie und gründet mit ihm in den Kriegsjahren eine Familie. Die Kontrolle über ihr Leben scheint ihr viele Jahre entglitten.
„Das Leben fand statt, und sie war mittendrin, doch es schien keine Kontrolle zu geben, keine Wahl.“
Es gibt eine Konstante in Ivys Leben, die sie durch die Jahrzehnte begleitet. Und das sind die ambivalenten Gefühle für Frances, der einstigen Verlobten ihres verschwundenen Bruders.
„Und irgendwo war da immer dieser silbrige Faden in ihrem Leben gewesen – Frances.“
Es ist diese Beziehung zwischen Ivy und Frances, die mich besonders berührt. Eine besondere Liebesgeschichte oder eine Freundinnenschaft? Beide Frauen scheinen in ihren vorgezeichneten Lebenswegen gefangen.
seltene Tage des Lichts
Hunter erzählt in diesem neuen Roman, wie ich finde, sehr entschleunigt, fast meditativ, definitiv ohne den feministischen Furor aus „Die Harpyie“. Der Schreibstil wirkt etwas altmodisch und erinnert mich an andere und ältere britische Schriftstellerinnen.
Dafür enthält „Tage des Lichts“ eine transzendente Komponente, die sich in Form von epiphanischem Licht und Glaube durch den ganzen Roman zieht.
Gerade auf den letzten Seiten erzielt Hunter damit bei mir eine starke Emotionalität, die mich für die vorigen, teilweise etwas zähen Kapitel entschädigt. Jeder Roman von Megan Hunter ist ein einzigartiges Werk. Und sie hat mir mit „Tage des Lichts“ wieder gezeigt, wie vielseitig sie schreiben kann.
Vielen lieben Dank an C.H.Beck Literatur für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Megan Hunter für ihren neuen Roman!
Aus dem Englischen von Judith Schwaab





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