Shit, „Ultramarin“ war für mich einer der spannendsten Romane der letzten Zeit. Ich fand ihn so spannend, dass ich am Schluss mit dem Hörbuch aufhören musste und auf das analoge Buch wechseln musste, weil ich die Suspense nicht mehr ertragen konnte. Wenn ich lese, habe ich, anders als wenn ich höre, immerhin noch ein bisschen das Gefühl von Kontrolle.
Dabei ist „Ultramarin“ nicht mal ein Krimi oder Thriller oder so, aber er hat mich einfach brutal verführt und verstört.
Ann-Christin Kumm lässt ihren Protagonisten Lou komplett aus der Ich-Perspektive erzählen und baut ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen auf.
Lou ist ein zurückhaltender, junger Mann, der sich wie jedes Jahr auf den gemeinsamen Urlaub mit seinen Freunden, dem Geschwisterpaar Raf und Sophie, freut. Die drei verbindet eine längere gemeinsame Vergangenheit und es ist kein Geheimnis, dass Lou schon immer für den attraktiven und selbstbewussten Raf schwärmt. Phasenweise hatten die beiden eine schon eine intime Beziehung und Lou hofft auf deren Wieberbelebung in den bevorstehenden Urlaubstagen.
Doch statt Sophie steigt plötzlich Nora ins Auto und möchte die Urlaubstage in dem Ferienhaus am Meer mit den beiden Männern verbringen.
Für Raf offensichtlich kein Problem, denn er findet Nora offenkundig attraktiv. Aber für den unsicheren Erzähler ist es eine unvorhergesehene und unwillkommene Änderung der Urlaubspläne.
In Rückblicken in die Schulzeit der kleinen Freundesgruppe erfahre ich mehr über ihr Kennenlernen und über die Beziehungsdynamiken. Dabei fällt mir schnell auf, wie wichtig Raf im Leben des Erzählers ist und wie ungesund die Dynamiken in der Beziehung der beiden jungen Männer von Anfang an sind.
Auch Lou ist sich des Machtgefälles zwischen ihm und Raf bewusst und versucht des öfteren, sich von Raf zu emanzipieren und andere Beziehungen einzugehen.
Ultramarin – literarische Spannung
Mich faszinierte das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Raf und Lou wahnsinnig. Gerade weil Kumm immer nur andeutet, wer eigentlich wirklich gerade die Macht in der Beziehung hat und es nicht immer offensichtlich ist, wer gerade wen emotional manipuliert. Zudem lese ich auch nur die Gedanken des Erzählers, dem ich vielleicht auch nicht immer ganz trauen kann, weil er sich in seinen eigenen Interpretationen verirrt. Lou ist somit ein unzuverlässiger Erzähler, was natürlich meine eigene Fantasie anregt.
Kumm nutzt in „Ultramarin“ einen einzigartigen, atemlosen und unmittelbaren Schreibstil, der der Geschichte eine starke Präsenz verleiht. Gerade die Atmosphäre in der Sommerhitze des Ferienhaus ist flirrend und spürbar aufgeladen.
Ich könnte mir vorstellen, dass der Stil eventuell nicht allen Leser*innen gefällt, doch mit seiner literarischen Qualität hebt er sich deutlich von anderen als Sommerlektüre konzipierten Romanen ab. Für mich macht diese von Zoë Beck bezeichnetet „sprachliche Klarheit, die schneidet“ den Roman zum inhaltlichen wie literarischen Highlight.
Natürlich gibt es für diesen Banger von mir eine fette Leseempfehlung!
Gerade als Hörbuch, produziert von Der Audio Verlag und unfassbar gut gelesen vom Schauspieler und Sprecher Jannik Schümann, entfesselt der Roman eine nicht auszuhaltende (sic!) Spannung.
Ein großes Dankeschön an Hanser Berlin für das aufregende Rezensionsexemplar und an NetGalley und DAV für die Zurverfügungstellung des digitalen Hörexemplars. Danke und viel Erfolg an Ann-Christin Kumm für ihren Roman!






Schreibe einen Kommentar