Mich hatte die Kurzbeschreibung des Romans „Erinnern an uns“ von Rick Lupert gleich angesprochen. „Ein Roman über koloniale Verbrechen und kollektives Schweigen, dessen alternative Vergangenheit von unserer Gegenwart erzählt.“ heißt es da.
Es ist außerdem die Rede von der Gerichtsmedizinerin Susanne Knecht, die angesichts zahlreicher Leichenfunde in der fiktiven Stadt Neuwien vor einem Rätsel steht. Die Toten, die allen den indigenen Osaten angehören, tauchen plötzlich überall auf Äckern und Baugruben auf, und wirken nach dem Auffinden wie gerade verstorben, verwesen dann aber in rascher Geschwindigkeit.
Alle Leichen tragen die offenkundigen Merkmale brutaler und stumpfer Gewalt, ein großer Teil wurde zusätzlich vergewaltigt, wie Susanne bei ihren Untersuchungen herausfindet.
Susannes eigene Geschichte ist selbst eng mit der der Osaten verwoben. Ihre Eltern, mit denen sie schon seit 10 Jahren kein Kontakt mehr hat, leben auf dem Land, das einst den Osaten gehörte, und ihre Schwester Katharina, die heute wieder einen indigenen Namen trägt, wurde als osatisches Waisenkind adoptiert.
Wie hängt das alles mit dem Auftauchen der Toten zusammen?
Als auch Susannes Eltern auf ihren Äckern mehrere Leichen finden und sich mit der Bitte um Hilfe an ihre Tochter wenden, beginnt Susanne Fragen zu stellen…
Der Plot erinnert in dieser Zusammenfassung an einen Thriller und er liest sich ähnlich spannend. Allerdings greift eine Einordnung in ein konventionelles Genre für Luperts Text viel zu kurz. „Erinnern an uns“ ist ein hochgradig gesellschaftskritischer und aktueller Text und gleichzeitig eine intensive literarische Auseinandersetzung mit Kriegsverbrechen, Kolonialismus, Genozid, Massaker und Morde.
Lupert wählt dafür den rein fiktiven Schauplatz einer geteilten Insel, die aus den Staaten Meerland und Osat besteht und deren Mechanismen und Strukturen Lupert bereits in seinem Debütroman „Der schlimmste Feind“ beschreibt (ein Hinweis auf Luperts Vorgängerroman wäre in der Kurzbeschreibung vielleicht hilfreich gewesen).
Erinnern an uns – aktuell und notwendig
Beim Lesen drängen sich mir verschiedene Parallelen auf. Ich denke an die indigenen Aborigines, an die Verdrängung, Ermordung und Auslöschung der amerikanischen Ureinwohner und ihren Kulturen, an den verschiedenen mannigfaltigen europäischen Kolonialismus in seiner unterschiedlichen Ausprägung und an die verschiedenen Genozide, von denen ich im Laufe meines Lebens gehört und gelesen habe.
Ich denke aber auch an unsere nazideutsche Vergangenheit. Und an unseren Umgang mit diesen immensen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
„Mord, flüstert man; Rassenhass. Genozid, Kriegsverbrechen. Und geantwortet wird mit: Heldentat. Verleumdung. Nestbeschmutzung. Lass doch die Vergangenheit ruhen.“
Besonders der zweite Teil des Romans, in dem Susanne ihre Eltern und ihre provinzielle Heimat besucht, erinnert mich krass an „Das flüssige Land“, den Debütroman von Raphaela Edelbauer, in dem sie die kollektive Verdrängung der österreichischen Verbrechen und Massenmorde während der Nazizeit thematisiert. Sowohl bei Edelbauer als auch bei Lupert drängt die Wahrheit irgendwann ans Tageslicht.
Allerdings hat Luperts Text nicht Edelbauers intellektuelle Verspieltheit und kafkaeske Absurdität. Gleichzeitig macht ihn das aber auch zugänglicher und konkreter.
Ungewöhnliche Roman- und Erzählstruktur
Meist schlägt mir der Text seine Botschaft direkt ins Gesicht, sie wird mir ins „Gehirn geschossen“, so wie bei Susanne die mutmaßlichen Gedanken ihres Vaters durch seinen Blick.
„Aus dem Staatsbürgerblick ihres Vaters sticht etwas Atavistisches hervor, etwas Territoriales, Lebensraum Besetzendes. Durch diese menschliche Maske blitzt das Tier, wendet sich gegen sie. Beschwört sie. Töten. Töten. Töten.“
Lupert arbeitete für „Erinnern an uns“ mit Fremdtexten und verschiedenen Mitteln der Intertextualität. Diese Passagen sind allerdings nicht gekennzeichnet, sondern fügen sich organisch in den Roman ein und verleihen ihm eine gewisse Schwere und Ernsthaftigkeit. Lupert führt seine Hauptquellen im Anhang auf und bezeichnet seinen Roman (auch) als eine „Collage aus Fremdtexten“.
Ich habe mich super gefreut, dass ich den Roman des jungen österreichischen Autors, der aktuell in Hildesheim Literarisches Schreiben und Lektorieren studiert, lesen und entdecken durfte. Mir gefiel besonders die mutige Wahl einer ungewöhnlichen Erzählperspektive und seine literarische Herangehensweise an ein schwieriges und weitreichend unbequemes Thema.
„Und doch musst du es versuchen. Das nämlich ist das Leben: ein ewiger Kampf um Schönheit im Angesicht des unausweichlichen Endes.“
Ja, ich finde das sehr bewunderns- und erstrebenswert, wenn sich Autor*innen literarisch mit den kollektiven Verbrechen der Menschheit auseinandersetzen und fand das in der Form von „Erinnern an uns“ auch sehr lesenswert.
„Die Vergangenheit ist unveränderlich. Aber das Erzählen – das Bewusstmachen – verhindert vielleicht, wenn man es richtig macht, dass so etwas wieder passiert.“
„Erinnern an uns“ erschien jetzt im Frühjahr, beim Verlag Rotscheibe, ein kämpferischer und sozialistischer Indieverlag, den ich schon länger beobachte, weil er in meiner alten Hood gegründet wurde und sich gegen die kapitalistische Ausrichtung des Buchmarktes positioniert. Danke euch ganz dolle für das spannende Rezensionsexemplar! Danke und viel Erfolg an Rick Lupert für seinen Roman!




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