Nachdem ich erst vor kurzem die Autorin Lena Gorelik mit ihrem Roman „Was wir sind“ für mich entdeckt hatte, habe ich mich sehr auf ihren neuen Roman „Alle meine Mütter“ gefreut. Mir gefällt Goreliks sehr persönlicher, stark autobiographisch geprägter Erzählstil wirklich sehr gut und thematisch hat mich „Alle meine Mütter“ sogar noch mehr abgeholt als „Wer wir sind“.
Die Mutter der Ich-Erzählerin ist krank. Sie hat Brustkrebs. Die Tochter, die mittlerweile selbst längst Mutter ist, begleitet ihre Mutter während ihres Kampfs gegen die Krankheit. Die Krankheit der Mutter und der sich damit andeutende Wechsel der Sorgebeziehung lässt die Erzählerin grundsätzlich über ihre Beziehung zu ihrer Mutter nachdenken.
Sie denkt an die Lebensgeschichte ihrer Mutter und die Unterschiede in ihrer jeweiligen Prägung. Die Mutter ist in der Sowjetunion aufgewachsen und als die Erzählerin ein Kind war mit ihr nach Deutschland migriert. eine Zeit, die Gorelik intensiv in „Wer wir sind“ bearbeitet. Beide Frauen unterscheiden sich nicht nur im Alter, sondern auch in ihren Lebenserfahrungen sehr und sind doch in Liebe und gegenseitigem Verständnis verbunden. Im Zentrum steht die Frage, die sich wahrscheinlich viele Kinder irgendwann stellen (sollten?): Wer ist meine Mutter eigentlich jenseits ihrer Mutterrolle?
Diese Kapitel, die Gorelik mit „Ich“ überschreibt, sind eine Art Rahmenhandlung und passen sich in das Mosaik des restlichen Romans ein.
Wer sind “Alle meine Mütter“?
Denn „Alle meine Mütter“ ist, wie es auch das Cover spiegelt, ein buntes Mosaik über die vielen Facetten der Mutterschaft. Die anderen Kapitel sind aus fiktionalen Perspektiven geschrieben und erzählen ganz verschiedene Geschichten von Mutterschaft. Gorelik bleibt dabei nicht nur in unserer Zeit und in unserem Kulturkreis, sondern zeigt Mutterschaft als ganz grundlegenden Aspekt unseres Menschseins in verschiedenen Aspekten.
Mich hat es besonders berührt, dass Gorelik auf die Mütter blickt, deren Kinder pflegebedürftig sind, und die so oft unsichtbar und optionslos funktionieren müssen. Gorelik zeigt ihre Belastung, ihre Schuldgefühle, ihre Aufopferung, die von der Gesellschaft als selbstverständlich erwartet, aber niemals honoriert wird.
Gorelik zeigt aber auch den Schmerz und die Trauer der Mütter, die ihre Kinder, meist Söhne, durch menschengemachte, sinnlose Konflikte, Kriege und Krisen verloren haben.
„Alle meine Mütter“ ist kein Roman, der den Anspruch hat, alle Aspekte von Muttersein und Tochtersein abzubilden, ein Anspruch der auch unmöglich zu erfüllen wäre.
„Ein Kraftakt, auszuwählen – ich schäme mich vor all denen, die am Ende fehlen: die Mütter, die wir uns suchen, Mütter, die nicht geboren haben, Mütter, denen Unrecht getan wird, Adoptivmütter, Stief- und Leih- und Rabenmütter, die Mutter, die geht, weil sie das Band nicht erträgt, das sie an ihre Kinder bindet.“
Mir gefallen die Aspekte, die Gorelik ausgewählt hat, gerade in Verbindung mit den autofiktionalen Romanelementen und ihrer wunderbaren literarischen Ausgestaltung. Für mich war „Alle meine Mütter“ ein sehr, sehr schöner Roman, mit dem ich gerade als Hörbuch, gelesen von der Schauspielerin und Sprecherin Inka Löwendorf eine wunderbare Zeit hatte.
Und sicher eine Empfehlung für alle, die sich von dem Thema angesprochen fühlen.
Vielen lieben Dank an den Rowohlt Verlag für das gewünschte Rezensionsexemplar und an den Argon Verlag für die Zurverfügungstellung des digitalen Hörexemplars über NetGalley.





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