Wenn ein Roman als „literarischer psychologischer Thriller“ beworben wird, kann ich quasi nicht widerstehen. Wobei ich dir gleich verraten kann, dass „Brandung“ für mich jetzt wenig Ähnlichkeit mit den Thrillern hatte, die ich bis jetzt gelesen habe.
Die Spannung des Romans von Maylis de Kerangal, der in Frankreich ein Bestseller war, speist sich nicht aus der Handlung, sondern aus seiner Atmosphäre.
Die Ich-Erzählerin des Romans bekommt gleich zu Beginn einen überraschenden Anruf. Ihre Handynummer wurde auf einem kleinen Zettel in der Tasche eines toten Mannes gefunden. Dieser Mann wiederum, der durch Gewalteinwirkung zu Tode kam, wurde an der Nordmole von Le Havre gefunden. Die lokale Polizei konnte seine Identität bis jetzt noch nicht feststellen und geht jedem Hinweis nach.
Die Erzählerin hat keine Ahnung, wie ihre Telefonnummer bei dem Toten gelandet ist. Sie reist sofort von Paris, wo sie mit ihrer Familie lebt und als Synchronsprecherin arbeitet, nach Le Havre um der Polizei ihre Fragen zu beantworten.
Was sie dem Ermittler bis jetzt noch nicht erzählt hat: es gibt eine Verbindung zwischen ihr und Le Havre. Sie ist dort aufgewachsen und hat eine vage Vermutung wer der Tote vielleicht sein könnte. Während ihres Aufenthaltes in Le Havre vermischen sich ihre Erinnerungen mit ihren aktuellen Gedanken über den Toten.
Brandung – Spannung entfaltet sich subtil
Okay, der Plot klingt eigentlich schon nach einer spannenden Kriminalgeschichte, aber Maylis de Kerangal baut ihren Roman ganz anders auf. Im Hauptteil überwiegen die reflektierenden Gedanken ihrer Ich-Erzählerin, die weite Kreise ziehen. Ein Punkt, der sie immer wieder beschäftigt, ist die sinnlose Zerstörung, die Krieg an verschiedenen Orten hinterlässt. Das im Zweiten Weltkrieg völlig zerbombte Le Havre steht dabei im Mittelpunkt. Doch sie zieht auch Parallelen zu Irpin und Cherson, Mariupol und Bachmut. Städte, die erst vor kurzem in der Ukraine zerstört worden sind.
Mich hat die Geschichte mit dem unbekannten toten Mann am Strand sofort an den Fall des Somerton- Mann erinnert, ein recht populärer und lange ungelöster True-Crime Fall aus Australien. Dort wurde Ende der 40er Jahre von Passanten die Leiche eines Mannes gefunden, mit einem rätselhaften Zettel in der Anzugtasche. Um die Identität und den Tod des Mann rankten sich Jahrzehntelang die skurrilsten Theorien und Vermutungen.
Die Atmosphäre des Romans hat mich die ganze Zeit an diese mysteriöse Geschichte erinnert. Und als der Fall sogar ganz am Schluss des Romans erwähnt wurde, schloß sich für mich der Kreis und fügte sich nahtlos mit dem Ende des Romans zusammen.
Du solltest dir den Roman wahrscheinlich nicht mit der Erwartungshaltung an einen spannenden Thrillerplot holen, sondern dich auf sehr atmosphärische französische Gegenwartsliteratur einstellen, die mir mehr Rätsel gestellt hat, als sie beantwortet hat.
Vielen lieben Dank an den Suhrkamp Verlag für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Maylis de Kerangal für die deutsche Ausgabe ihres Romans!
Aus dem Französischen von Andrea Spingler





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