Wenn ein Mensch suchtkrank ist, ist nie nur er selbst betroffen. Auch seine Angehörigen und ihm Nahestehende sind immer ebenfalls mehr oder weniger belastet. Und wenn ein Mensch im Umfeld eines Suchtkranken sein eigenes Leben, seine Gefühle und Bedürfnisse diesem vollständig unterordnet, spricht man von einer Co-Abhängigkeit. Die Grenzen zur eigenen psychischen Erkrankung sind oft fließend. Oft brauchen die Betroffenen selbst professionelle Unterstützung um sich aus diesem Verhaltensmuster zu befreien.
Diese Dynamiken der Sucht und Abhängigkeit werden in „Co“ von Rina Schmeller für mich direkt spürbar. Die Ich-Erzählerin ihres intensiven Debütromans heiratet sehr jung einen älteren Mann, der alkoholkrank ist, wie sich später herausstellt. Aus der Leichtigkeit der ersten Verliebtheit wird schnell ein ständiges Auf- und Ab der Emotionen. Ein Neuanfang folgt auf den nächsten. Die Alkoholsucht des Mannes bestimmt ihr Leben und sorgt für permanente Unberechenbarkeit. Es gibt immer wieder Excesse und Gewaltausbrüche. Die Erzählerin fragt sich, warum sie immer wieder in die Beziehung zurückkehrt, in der sie so offensichtlich nicht die oberste Priorität ihres Partners ist.
“Nein – ich kann keinen Zeitpunkt bestimmen, bis zu dem ich hineingeriet und ab dem ich einfach blieb.“
Eine Zeitlang denkt sie noch, es stünde in seiner Macht, sich zwischen seiner Sucht und ihr zu entscheiden und hofft.
“Die Flasche oder mich.
Mich oder die Flasche.”
Schmeller beschreibt in knappen, aber eindringlichen Zeilen den aufreibenden Prozess einer jahrelangen Loslösung aus der Co-Abhängigkeit. Sie zeigt die schmerzhafte und schrittweise Erkenntnis der Erzählerin, dass sie den geliebten Menschen nicht retten kann, sondern zur Erfüllungsgehilfin seiner Sucht geworden ist.
Der lange Weg aus der Co-Abhängigkeit
Es ist nicht nur ein innerer Kampf des Ablösens, den die Erzählerin bestreiten muss, auch die formale Scheidung und die Auflösung der gemeinsamen Wohnung sind bürokratisch eine Hürde und Kosten viel Kraft.
Und was macht es mit deiner Identität, wenn du so viele Jahre nur um einen Menschen mit seiner Suchterkrankung gekreist bist? Wer bist du dann ohne ihn?
Schmeller erzählt reflektierend und einordnend, ihr authentischer Text speist sich aus autobiografischen Erfahrungen und ist poetisch reduziert und treffsicher in seiner Wirkung.
Für mich war „Co“ ein super lesenswerter Roman zu einer nicht häufig bearbeiteten und tabubelasteten Thematik und ein starkes Debüt!
Ein großes Dankeschön an Penguin Bücher für das wunderschöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Rina Schmeller für ihren Roman!




Schreibe einen Kommentar