EIN VOLLES LEBEN von Joost Oomen

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Ein volles Leben Joost Oomen

Sterbehilfe ist ein literarisch wenig bearbeitetes Thema. Wenn es in Romanen vorkommt, dann oft moralisch aufgeladen und polarisierend. Und in meiner gefühlten Wahrnehmung oft zugunsten einer gesetzlich erlaubte Sterbehilfe, wie sie beispielsweise in den Niederlanden unter gewissen Umständen erlaubt ist. Es ist deswegen kein Zufall, dass der Roman „Ein volles Leben“, in dem es um Sterbehilfe geht, von dem Niederländer Joost Oomen, dessen Vater selbst als Sterbehilfearzt tätig ist, geschrieben wurde.

„Sobald sich nämlich ein Arzt und ein Patient für den Weg der Sterbehilfe entscheiden, muss festgestellt werden, ob der Patient die beiden Kriterien erfüllt: Um sterben zu dürfen, muss er sowohl unerträglich als auch aussichtslos leiden. Was das heißt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.”

Auch der Ich-Erzähler des Romans ist ein Sterbehilfearzt. Nachdem ein vorgeschriebenes Verfahren durchlaufen wurde, verabreicht Theo Engel Menschen, die unzumutbar leiden, die erlösende Spritze. Dabei ist Theo selbst tendenziell depressiv, hat keine Familie und glaubt nicht an das Schöne in der Welt.

Ein volles Leben – und dann?

Ganz anders als Gerrit, der jetzt als alter Mann auf ein schönes und erfülltes Leben zurückblicken kann, in dem er jetzt aber alleine zurückgeblieben ist. Obwohl er nicht leidet, möchte er jetzt nach einem vollen Leben einen schönen Tod.

»Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit schönen Dingen beschäftigt, und ich finde, dass ich deshalb das Recht habe, wenigstens den Versuch zu unternehmen, auch schön zu sterben.«

Er schreibt einen Brief an den Sterbehilfearzt Theo und erzählt von seinem Leben und erklärt sein Anliegen.

Theos Regularien sind eindeutig:

“Wenn ein Patient (noch) nicht unerträglich und aussichtslos leidet, darf keine Sterbehilfe geleistet werden.”

Joost Oomen erzählt einfühlsam die Geschichte der beiden so unterschiedlichen Männer. Leider fand ich die Passagen mit der Lebens- und Liebesgeschichte von Gerrit irgendwie belanglos und schon ein bisschen langweilig. Dafür mochte ich die authentischen Einblicke in die Tätigkeit eines Sterbehilfearztes umso mehr. Ich fand es etwas schade, dass der Grundkonflikt des Romans, also ob Sterbehilfe auch ohne unerträgliches Leiden gerechtfertigt und erlaubt sein sollte, so wenig tiefgehend ethisch und moralisch betrachtet wurde. Zwar fungiert Theo Engel ein bißchen als Advocatus Diaboli, aber die Meinung des Autors dazu wird doch sehr deutlich, wie ich finde. 

Und obwohl (oder vielleicht gerade weil?) ich nicht mit allen Prämissen des Romans übereinstimme, hat mich der Roman am Schluss doch sehr nachdenklich gemacht. Dass Oomens Roman durch die Gespräche mit seinem Vater inspiriert wurde, gibt ihm ein gewisses Gewicht. Dennoch war mir die letztendlich Ausarbeitung in dieser Form einfach zu leichtgewichtig. Ich kann mir aber vorstellen, dass für andere Leser*innen gerade darin etwas sehr Positives liegt.

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