Hellere Tage von Ulrich Woelk

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Hellere Tage Ulrich Woelk

„Mittsommertage“ hatte mich damit, wie gut mir der Roman gefallen hat, Anfang des Jahres ziemlich überrascht. Klar, dass ich dann unbedingt lesen wollte, wie es im Leben von Ruth, der kontrollierten Ethikprofessorin, weitergeht.

In der Ausgangssituation von „Hellere Tage“ ist Ruth jetzt schon länger von Ben, ihrem Mann getrennt und die beiden streiten sich um die gemeinsame Dachgeschosswohnung, in der Ben jetzt mit seiner jüngeren Geliebten lebt. Der Staub um die große Aktivistinnenenthüllung der Vergangenheit hat sich mittlerweile gelegt, auch wenn Ruth nicht an ihren vorherigen Karriereweg anknüpfen kann.

Doch es ist etwas ganz anderes, was Ruth gerade am meisten beschäftigt. Ihr Vater ist mit über 90 Jahren gestorben und sie sichtet den Nachlass. Sie findet Briefe, die darauf hindeuten, dass ihr Vater eine heimliche homosexuelle Beziehung hatte.

Wer war eigentlich dieser Mann, den Ruth als ihren Vater kannte? Wie viele Asopekte seines Lebens hatte er vor ihr verborgen?

Auch ein anderer nahestehender Mensch macht Ruth Sorgen: ihre (Stief-) Tochter Jenny kommt mit der Trennung ihrer Eltern nicht gut zu recht, sie scheint die Orientierung in ihrem Leben verloren zu haben. Entsprechend ihrer Generation macht Ruth das an Jennys Aussehen fest:

„Neben Ben sitzt Jenny, die Ruth seit dem vergangenen Oktober nicht mehr gesehen hat. Sie sieht nicht gut aus. Der Rest jener jugendlichen Frische, die ihr lange eigen war, hat sich aus ihrem Wesen verloren. Sie hat geschätzt etwa zehn Kilo zugenommen.“

Wie schon in „Mittsommertage“ verhandelt Woelk in „Hellere Tage“ die Themen unserer Zeit. Oder besser gesagt, die Themen, die eine gewisse elitäre Gesellschaftsschicht beschäftigen. Ruth und ihr gesamtes Umfeld bewegen sich in finanziell und intellektuell saturierten Kreisen, der prekäre Kampf um Teilhabe und das alltägliche Überleben ist nicht ihr Schlachtfeld. 

Vielmehr ist Ruth besorgt über die Orientierungslosigkeit der jungen Generation, die sie nicht nur bei ihrer Tochter, sondern auch bei vielen ihrer Student*innen feststellt. Oder ist es nur ihr eigenes Alter und der Generationenunterschied?

Kommen jetzt endlich die „Helleren Tage“?

Sensibel lässt Woelk seine Figur über zeitgemäße gesellschaftliche Fragen nachdenken, die wohl einigen von uns genauso oder ähnlich durch den Kopf gehen.

„Ruth verdammte innerlich die sozialen Medien. Sie brachten nichts hervor außer Rechtsextremismus, Homophobie, Hassrede, Fake News und jetzt also Tradwives …“

Ruth fängt auch wieder mit dem Dating an, auch wenn sie es nicht so nennen würde. Doch neue Love Interests bringen neue, ungewohnte Fragestellungen mit sich. Und eigentlich muss sie erst einmal die Verletzungen aus Bens Vertrauensbruch verarbeiten. Ich bewundere Ruth für ihre moralisch integre und kontrollierte Art, ihre inneren und äußeren Konflikt zu reflektieren ohne dabei in Prinzipienreiterei zu erstarren sondern auch Verletzlichkeit und Fehlbarkeit zuzulassen. Eigenschaften, die ich selbst gerne mehr für mich in Anspruch nehmen würde.

Besonders habe ich mich über die Entwicklung der Beziehung zwischen Ruth und ihrer Tochter Jenny gefreut und habe die Interaktion der beiden gerne beobachtet.

Ich fand „Hellere Tage“ war für mich wieder ein, aufgrund der gediegenen Figuren und Erzählweise, ungewöhnliches, aber sehr erfreuliches Leseerlebnis. Ich wäre definitiv dabei, falls Woelk Ruths Geschichte in eine weitere Runde führen würde!

  • Hellere Tage Ulrich Woelk Klappentext
  • Ulrich Woelk

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