Fantasy-Romane und ich haben eine weit zurückreichende Vergangenheit. Sie waren mir in meiner Jungend ein vielbesuchter Zufluchtsort. Heute greife ich allerdings nur sehr, sehr selten zu Romanen, die nicht in unserer Welt spielen. Als ich dann auf den ersten Seiten von “Lahea” die Karte der Insel Ebria entdeckt hatte, wie es oft bei Fantasy-Romanen zur Orientierung üblich ist, war ich mir nicht sicher, ob der Roman überhaupt etwas für mich ist.
Aber überraschenderweise hatte ich mit dem Romandebüt der Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Lisa-Viktoria Niederberger eine richtig gute Zeit.
Niederberger entwirft auf der abgelegenen Insel Ebria ein feministisches Utopia. Die von Frauen geführte und gelenkte Gemeinschaft lebt in Friede und Harmonie auf mehrere Städte verteilt auf der Insel. Ressourcen sind ausreichend vorhanden, da die Insel reich an Nahrung und Baumaterial ist, und angespültes Treibgut aus der übrigen Welt ergänzt die Bestände.
Es gibt keine Ehe oder Besitzansprüche, freie Liebe und polyamore Beziehungen werden zwischen allen Geschlechtern gelebt. Alle leben im Einklang mit der Natur und sich selbst, der Kapitalismus und patriarchale Denkmuster scheinen überwunden. Ich würde sagen, die Beschreibungen des Lebens auf der Insel lesen sich wie ein wokes Paradies, in dem ich auch gern leben würde.
Lahea – zu schön, um wahr zu sein?
Die titelgebende Protagonistin Lahea ist eine junge Frau und Mutter und soll bald das Amt der Dorfvorsteherin übernehmen. Sie begibt sich dafür auf eine Reise in die Hauptstadt, um anschließend alle Städte und Regionen der Insel kennenzulernen.
Natürlich (!!) ist nicht alles so nice, wie es auf den ersten Blick scheint, denn eine dunkle, längst überwunden geglaubte, toxisch maskuline Bedrohung baut sich auf…oder anders gesagt …Incels are coming!
Mir hat an dem Roman vor allem das fantasievolle und detailreich ausgestalte Worldbuilding von Ebria gefallen, das tendenziell vielleicht etwas zu utopisch, aber in sich sehr stimmig ist. Es hat mir viel Freude gemacht, die Schauplätze der Handlung auf der Landkarte zu verfolgen und mit Lahea auf ihre Heldinnenreise zu gehen. Die Figuren sind liebevoll angelegt und einwandfrei moralisch orientiert (bis auf die Bösen versteht sich).
Niederberger greift in ihrem Roman aktuelle feministische Diskurse auf und denkt sie weiter. Sie zeigt sehr deutlich auf, dass eine lebenswerte Gesellschaft nur im Miteinander entstehen kann und immer wieder neu diskutiert und justiert werden muss.
Wie oft bei Fantasy Romanen kommt für mich auch in „Lahea“ das Ende nach dem sorgfältigen Aufbau und der Hinführung etwas zu kurz und zu wohlfeil. Aber der Weg dahin hat mich sehr gut unterhalten und aus der Realität entführt.
Eine willkommene Auszeit, die ich allen empfehle, die einem kleinen fantastischen Abenteuer nicht abgeneigt sind.
Vielen lieben Dank an den Otto Müller Verlag für das Rezensionsexemplar mit dem wunderschönen Cover. Danke und viel Erfolg an Lisa-Viktoria Niederberger für ihren Roman!
Einen schönen Text zu „Lahea“ findest du auch auf der Platform für Literatur in und aus Österreich litrobona.




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