„Leichter Wahnsinn“ hat fast 500 Seiten und dreht sich eigentlich nur um die intimen Reflexionen und die langsame Desillusionierung einer verliebten Frau in einen unerreichbaren Mann.
Und ich habe ihn sehr, sehr gerne gelesen!
Es ist bereits der dritte Roman der niederländischen Autorin Emy Koopman, aber der erste, der über weite Teile autobiografische Bezüge hat. Er wurde in den Niederlanden sehr gelobt und überwiegend positiv besprochen.
Die Erzählerin Emy ist eine niederländische Journalistin und Autorin und verliebt sich während Dreharbeiten in Kanada in den kanadischen Kollegen A. Durch verschieden Zufälle und Umstände verbringen sie schließlich eine Nacht gemeinsam in einem Hotelzimmer in Québec. Obwohl die Luft zwischen den beiden knistert und aufgeladen von erotischer Spannung ist, kommen sie sich nicht körperlich näher. Sowohl A als auch Emy sind in funktionierenden Beziehungen. Auch nachdem Emy wieder zurück in den Niederlanden ist, bleiben die beiden in Kontakt und tauschen sich intensiv und auch über philosophische Themen und gemeinsame Interessen aus.
Während Emy offen mit ihrem Freund Johannes über ihre Gefühle für A spricht, verschweigt A seiner Partnerin Charlotte die gemeinsame Nacht.
Für mich als Leserin ist eigentlich von Anfang an klar, wer mehr in diese Fernbeziehung involviert ist. Emy überinterpretiert minutiös jede Nachricht von A, entwickelt immer stärkere Gefühle für diesen Mann, die komplett unabhängig von ihrer Liebe für ihren Partner Johannes sind. A hingegen scheint weit weniger involviert, er ist es, der die Intensität und die Bedingungen ihres Kontaktes vorgibt. Oder wie die Populärpsychologin Stefanie Stahl sagen würde: er ist der Alleinherrscher über Nähe und Distanz.
Das Ding ist: Emy ist eine feministische, intelligente und sehr reflektierte Frau und durchschaut sehr wohl mit der Zeit die Mechanismen dieser Fernbeziehung und kann sich TROTZDEM nicht davon lösen.
Ist Verliebtheit immer „Leichter Wahnsinn“?
Für mich ist das teilweise wirklich quälend zu lesen, ich möchte sie gerne schütteln und mit dem ganzen Bündel von Red Flags winken, aber Emy hat sie eigentlich schon längst gesehen.
“Ich will meine Begierde und meine Scham noch einmal durchleben, einschließlich der erniedrigenden Eigenevaluierungen des Moments, aber ohne den Spott, der alle Gefühle derart kategorisch niedermäht, als hätte es sie nie gegeben. Es gab sie, glorreich und unansehnlich. Ich will sie ans Licht bringen und damit letztlich, hoffentlich, etwas erträglicher machen.”
Die ganze Situation spitzt sich emotional zu, als Emy und Johannes für einen Monat nach Kanada reisen und dort auch Zeit mit A und seiner Freundin Charlotte verbringen.
Und obwohl die ganze Geschichte irgendwann nur noch einen Ausgang zulässt, verfolge ich die Gedanken der Erzählerin wirklich gespannt über den ganzen Umfang des Romans.
Das liegt daran, dass Koopman Emys Geschichte in eine überaus reizvolle Mischung aus feministischen und philosophischen Überlegungen einbettet und auch manchmal zurück in die Vergangenheit ihrer Erzählerin blickt. Ich würde außerdem sagen, dass es schon eine Art Tabu ist, gerade für emanzipierte und moderne Frauen, in dieser schwärmerischen und ja, irrationalen Art einem Mann verfallen zu sein und es Mut braucht, sich so zu zeigen.
Ich fand „Leichter Wahnsinn“ wirklich einen sehr lesenswerten und intellektuell stimulierenden Roman, der mich aber auch emotional überzeugen konnte.
Vielen lieben Dank an den Weissbooks Verlag für das schöne Rezensionsexemplar und an Kirchner Kommunikation für die Vermittlung. Danke und viel Erfolg an Emy Koopman für ihren Roman auch in Deutschland!
Aus dem Niederländischen von Ruth Löbner




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