Zvi Spielmann hat manchmal starke Kopfschmerzen, überfallartige Kopfschmerzen, die ihn so hart treffen, dass er sich übergeben muss. Zvi Spielmann hat Migräne.
In dem Roman von Tamás Gyurkovics stehen die Kopfschmerzen, wie der Titel „Migräne – Geschichte eines Schuldgefühls“ schon zeigt, für die großen Schuldgefühle, die den Portagonisten Zvi Spielmann plagen. Spielmann ist ein Überlebender der Shoa und lebt mittlerweile mit seiner Frau, ebenfalls eine KZ Überlebende, in Israel. Angstvoll verfolgt er die Berichterstattung der gerade stattfindenden Prozesse um mutmaßliche jüdische Kollaborateure, die sich während der Judenverfolgung den Nazi angedient hatten.
Seine Kopfschmerzen verstärken sich unermeßliche, als ein Shoa Überlebender, der während der Nazi Zeit viele Menschen gerettet hatte, als auf offener Straße als Nazischerge erschossen wird.
„Jetzt bricht alles an die Oberfläche, was vergraben war. Die Trauer, die Wut, der Wunsch nach Rache. Die Scham. Und was, wenn sie recht haben, und ich tatsächlich schuldig bin? Hast du daran nicht gedacht?“
Kein Zweifle, was Zvi Spielmann quält Survivor`s Guilt, eine Form der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), bei der Überlebende katastrophaler Ereignisse schwere Schuldgefühle empfinden, weil sie überlebt haben, während andere starben. Und noch mehr: Zvi Spielmann hält sich auf Grund seines Überlebens selbst für einen Kollaborateur.
„Wäre ich vielleicht drüben gestorben, würde man mich jetzt als Märtyrer verehren, Straßen nach mir benennen. Die Tatsache jedoch, dass ich am Leben geblieben bin, macht mich in den Augen meiner Landsleute verdächtig.“
Dabei ist genau das Gegenteil der Fall, Spielmann brachte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich die Nazis aus Todeslager flohen und ihrem Schicksal überließen, 40 Kinder in Sicherheit. Diese Kinder, alles Zwillingspärchen, musste Spielmann auf Station des KZ Arztes Josef Mengele betreuen, wo er sadistischen Menschenversuche an ihnen durchführte. Tamás Gyurkovics beschreibt in seinem Roman den Road Trip, den Spielmann mit den Kindern durch zusammengebrochene und zerstörte Länder unternimmt, um sie in ihre Heimatdörfer zu bringen.
Migräne – Geschichte eines Schuldgefühls
Dass nicht alle der geschwächten Kinder die Reise überleben, vergrößert sein Schuldgefühl. Jahre später hält er sich deswegen noch immer für einen Verräter und Versager. Er hat die Gefangenschaft im KZ überlebt und durch sein großes Schuldgefühl, das sich wie eine Schraubzwinge um seinen Kopf legt, sich nie wirklich frei oder glücklich gefühlt.
Die Einblicke in die von Schuld gequälten Seele Spielmanns werden von Gyurkovics eindringlich beschrieben. Ich will nicht sagen, nachfühlbar, denn wer könnte oder wollte diesen Abgrund nachempfinden?
Leider konnte mich der Roman nicht so wirklich begeistern und mitreißen, weil er sich für mich unglaublich schwierig und zäh gelesen hat. Obwohl ich eigentlich schon einige Literatur und Dokumentationen zur Shoa gelesen habe, fehlten mir gerade auf dem Gebiet der späteren Aufarbeitung in Israel, einige Detailkenntnisse. Auch über den Volksaufstand 1956 in Ungarn, zu dem Gyurkovics eine Parallele zieht, weiß ich zu wenig, um wirklich die Referenz erkennen zu können.
Tamás Gyurkovics ist Kommunikationsspezialist für verschiedene Medien und sei 2010 als freiberuflicher Autor tätig. Er hat schon mehrere Romane über historische Persönlichkeiten, unter anderem Mengele, geschrieben und auch sein Protagonist Zvi Spielmann basiert auf der realen historischen Person des Zvi Spiegels. Dafür hat Gyurkovics sorgfältig recherchiert und die Lücken und vor allem die Gedankenwelt Spielmanns fiktiv ergänzt.
Ich würde also sagen, dass „Migräne – Geschichte eines Schuldgefühls“ die literarische Annährung an ein reales historisches Dilemma ist, das ich allerdings auf Grund seiner Schwergängigkeit nur wirklich thematisch sehr interessierten Leser*innen empfehlen würde.
Vielen lieben Dank an den unabhängigen Zeitkind Verlag und Kirchner Kommunikation für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Tamás Gyurkovics für seinen Roman!
Aus dem Ungarischen von Eva Zador




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