Mich hatte Emma Stonexs Debüt so begeistert, dass ich jetzt schon seit Jahren auf ihren nächsten Roman warte. Und auch „Sunshine Man“ begeisterte mich auf ganzer Linie.
Mit einem ersten Blick auf die Inhaltsangabe scheinen die Romane von Stonex genau in eine Reihe wie „Kala“ von Colin Walsh oder die spannenden Pageturner von Charlotte McConaghy zu passen. Ich finde aber, dass Stonex psychologisch wesentlich tiefer schürft und ihre Figuren komplexer und vielschichtiger anlegt. Sie nutzt ebenfalls einen Spannungsplot, den sie aber nicht mit zu vielen Details und Nebenfiguren und Verzweigungen überlädt sondern es beim Wesentlichen belässt. So gibt sie ihren Figuren viel Raum für Entwicklung und beobachtet und beschreibt ihre Gedanken und Gefühle präzise und nachvollziehbar.
In „Sunshine Man“ ist es Birdie, eine Frau Anfang 40, die eine Pistole einpackt und ihre Familie verlässt um auf einen Roadtrip zu gehen, auf den sie sich seit 18 Jahren vorbereitet hat. Sie sucht den Mörder ihrer Schwester, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Birdie will endlich tödliche Rache nehmen für das, was vor 18 Jahren passiert ist.
Gleichzeitig taucht Stonex aber auch in die Ich-Perspektive von Jimmy ein, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, und ebenfalls auf der Suche nach dem ist, was vor 18 Jahren passiert ist. Er weiß nämlich genau, wer Birdies Schwester Providence damals wirklich getötet hat.
Ja, das klingt spannend und das ist es auch. Birdie gelingt es, Jimmy aufzuspüren und folgt ihm auf seiner Reise zurück in seine Heimat Devon. Gleichzeitig ist es für beide eine Reise zurück in ihre Vergangenheit, was Stonex toll mit zwei verschiedenen Erzählzeitebenen umsetzt.
Auf der Erzählebene, in der Birdie, Providence und Jimmy noch jung sind, beleuchtet Stonex ein prekäres Milieu. In dem Viertel, in dem beide in den 60ern aufwachsen, herrscht Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Kleinkriminalität. Die Zukunftsperspektiven für Kinder aus diesem Umfeld sehen düster aus. V.a. für die Jungen der Familie Maguire, die alle schon poliziebekannt sind, scheint der Weg vorgezeichnet.
Aber auch Birdie und Providence, die von ihrer flatterhaften Mutter als Babys bei ihrer Oma einfach zurückgelassen wurden, kämpfen um ihren Platz und um eine Chance für eine bessere Zukunft. Stonex liefert hier eine detaillierte und glaubhafte Milieustudie.
Die aktuelle Erzählebene spielt in den 90ern und beleuchtet hier vor allem das Innenleben von Birdie und Jimmy. Vor allem Jimmys traurige Gefühlswelt finde ich gut getroffen und verströmt mit seinen Erinnerungen an seine Zeit im Gefängnis Vibes, die an die Filme „Die Verurteilten“ und „Sleepers“ erinnern.
„Sunshine Man“ wirft die Frage auf, ob man irgendwann seiner Vergangenheit und seinem Traum entkommen kann. Darauf mag die Antwort „Ja“ lauten, doch was ist mit schwerer Schuld? Gibt es dafür ein Entkommen oder gar Vergebung?
Für mich war der Roman wieder ein fein psychologisch beobachteter Spannungsplot, dem ich in der Hörbuchausgabe gespannt gefolgt bin.
Gesprochen wird das Audiobook sensationell von Tessa Mittelstädt (Birdie) und Timo Weisschnur, dessen Stimme und Modulation mich stark an David Nathan erinnert. Wieder eine sehr empfehlenswerte Produktion des Argon Verlag.
Danke für das digitale Hörexemplar via NetGalley. Danke und viel Erfolg an Emma Stonex für ihren neuen Roman!
Aus dem Englischen von Eva Kemper



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