“Der Buchtitel Working Class Girl. Aufstieg einer Frau von ganz unten soll einem unter die Haut gehen”, sagt die Autorin Katriona O`Sullivan im Epilog.
Nicht nur der Buchtitel, sondern das ganze Memoir mit der Geschichte der irischen Psychologin und Aktivistin geht mir unter die Haut.
Die letzten Tage gab es im Fahrwasser von Carolines Wahls neuem Roman einige mediale Diskussionen: Wer genau eigentlich wie über Armut schreiben darf.
Diese Diskussion wird es bei „Working Class Girl“ nicht geben. Wenn jemand über Armut Bescheid weiß und darüber schreiben sollte, ist es Katriona O`Sullivan. Sie wuchs als Kind suchtkranker Eltern am Rande der Gesellschaft in Hill Fields, Coventry, auf.
In „Working Class Girl“ beschreibt sie, wie der Untertitel „Aufstieg einer Frau von ganz unten“ suggeriert, den Weg von der verspotteten „Hosenpisserin“ aus prekärsten Verhältnissen bis zur Promotion in Psychologie am Trinity College.
„Wir lieben Geschichten von Menschen, die es von ganz unten nach oben geschafft haben. Wir bewundern es, wenn jemand mit Mut und Entschlossenheit viel erreicht. In Wahrheit liegen die Dinge selten so einfach, Mut und Entschlossenheit reichen nie aus. Bei mir jedenfalls nicht.”
Und wenn O`Sullivan „von ganz unten“ schreibt, dann meint sie damit eine Kindheit und Jugend, die sich die meisten von uns (zum Glück) wohl eher nicht vorstellen können. Ihre Schilderungen sind drastisch. Es geht mir sehr nahe, wenn ich an diese vernachlässigten und zum Teil missbrauchten Kinder denke, die eigentlich keine wirklich Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg hatten.
Doch bei der kleinen Katriona O‘Sullivan legte die Zuwendung zweier aufmerksamer und offenherziger Lehrerinnen den Grundstein für ihren Glauben an ihren eigenen Selbstwert.
“Ich hatte mehr verdient, als mir gegeben war, denn ich war mehr als das, was mir gegeben war. Mrs Arkinson sah es, Miss Hall ebenfalls, und irgendwann sah ich es selbst.”
Es wird allerdings noch länger dauern, bis O‘Sullivan sich der Nachteile ihrer Herkunft überhaupt bewusst wird. Und noch viel länger wird es dauern, bis sie die übergroße Scham darüber ablegen kann.
Als sie mit 15 schwanger wird, scheint ihr Weg vorbestimmt und ein Leben in Abhängigkeit vom Sozialstaat vorgezeichnet.
Working Class Girl: Memoir und Sachbuch
Neben der bewegenden Geschichte dieser jungen Frau, die es trotz der schwierigen Umstände an die Universität und in ein geregelt Leben schafft, beeindruckt mich vor allem der Epilog des Memoirs.
O`Sullivan lässt keine Zweifel daran, dass ihr Aufstieg nicht allein durch Willenskraft und Leistungsbereitschaft erreichbar war. Anders als es neoliberale Narrative uns gerne vermittelt.
Sondern, “dass Entscheidungsfreiheit ins Reich der Mythen gehört: Unser Weg ist durch unsere Herkunft vorgezeichnet, und nur sehr selten schafft es jemand, diesem Weg eine andere Richtung zu geben.”
Sicher sind ist das Klassensystem in Irland und England nicht mit dem in Deutschland vergleichbar. Dennoch gibt es bei uns eine ähnliche Trennung der sozialen Schichten in der Bevölkerung.
Ich finde, dass „Working Class Girl“ ein wichtiger Beitrag zur soziologischen und politischen Debatte über Armut sein kann. Und ebenso ein Appell für mehr Solidarität und weniger Abgrenzung von oben.
Das Buch verknüpft biografische Erfahrungen mit strukturellen Fragen. Es freut mich, dass das erste Buch von Katriona O`Sullivan in Irland ein Bestseller ist. Ich hoffe, dass es sich auch in Deutschland gut verkauft und diskutiert wird!
Wenn du authentisch über Armut, gesellschaftlichen Aufstieg und eine schwierige Familienbande lesen willst, ist „Working Class Girl“ auf jeden Fall ein Buch für dich.
Ein großes Dankeschön an den Kjona Verlag und Kirchner Kommunikation für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Katriona O’Sullivan für den deutschen Release ihres Buches!
Aus dem Englischen von Sylvia Spatz





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