Von dem Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ hatte ich über die englische Ausgabe schon einige positive Stimmen gelesen und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als er jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und meine Stimme wird sich jetzt auch positiv über den Roman äußern. Sogar sehr positiv, denn der Roman war ein Highlight für mich.
Geschrieben hat ihn die belgische Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Jacqueline Harpman bereits 1995. Er wurde unter dem Titel „I Who Have Never Known Men“ 2025 in den USA als BookTok-Sensation wiederentdeckt. Kein Wunder, der Roman hat alles, was es braucht, um seine Leserschaft zu fesseln: Er ist ungeheuer spannend, düster und traurig und macht dich existenziell nachdenklich. Perfekte Zutaten für gelungene Literatur.
Mich spricht natürlich auch besonders das dystopische Setting an. Die Ich-Erzählerin lebt zusammen mit 39 anderen weiblichen Gefangenen seit Jahren in einem unterirdischen Gefängnis. Sie ist die jüngste unter ihnen und kann sich, anders als die anderen gefangenen Frauen, nicht an ihr Leben davor erinnern. Die Erzählerin kennt die Welt von früher nur aus den Erzählungen der anderen. Sie selbst kennt nur die Welt und die Routinen des Gefängnisses.
Die Erzählerin und die anderen Frauen haben keine Ahnung, warum sie schon seit Jahren von sechs Wächtern bewacht gefangen gehalten werden. Auch ich als Leserin bekomme keine Hinweise. Werde genauso im Dunkeln gehalten wie die Frauen und teile mit ihnen das Gefühl der Sinnlosigkeit.
Die Erzählerin wächst mit diesem Gefühl der Sinnlosigkeit auf. Ihr Leben kennt keinen Tag oder Nacht, kein Ziel oder Daseinsberechtigung. Für Essen wird, wenn auch knapp, gesorgt, die Frauen müssen nicht arbeiten oder Aufgaben erfüllen.
„Die Vergeblichkeit aller Mühen ließ unseren Geist nach und nach verkümmern.“
Als die Erzählerin beginnt, ihre Herzschläge zu zählen, hat sie zum ersten Mal ein Ziel und eine Zeitorientierung.
Der große Einschnitt sowohl im Leben der jungen Frau als auch im Roman passiert, als im unterirdischen Gefängnis ein Alarm ertönt und sich die Türen öffnen. Alle Wächter sind verschwunden, scheinbar sind sie überstürzt aufgebrochen.
Die Frauen setzen zum ersten Mal seit Langem wieder einen Fuß nach oben und in die Freiheit.
„Wir waren frei. In Wahrheit hatten wir nur das Gefängnis gewechselt.“
Denn die Frauen stellen schnell fest: Sie sind alleine. Es ist sonst niemand da.
Ich, die ich Männer nicht kannte – aber dafür Frauen
Harpman erzählt, was die Frauen nach dem Ende ihrer Gefangenschaft erleben und wie sich ihre Gefühle entwickeln. Dabei unterscheiden sich die Gefühle und Gedanken der Erzählerin von denen der anderen Frauen, da sie nie ein anderes Leben als das im Keller kennengelernt hatte. Sie trauert keiner Familie nach, keinen Männern, mit denen sie eine Beziehung hätte führen können und auch keinen zivilisatorischen Annehmlichkeiten.
Und so vergehen die Jahre…
Mir gefällt es unglaublich gut, dass Harpman die Geschichte auf einen so langen Zeitraum anlegt. Die einleitende Rahmenhandlung hat klargemacht, dass das was ich lese, der Bericht einer älteren Überlebenden ist. Es ist die Lebensgeschichte der Erzählerin.
Das was mich an dem Roman am meisten fesselt, ist die unglaubliche Atmosphäre, die Harpman kreiert und die so fühlbar ist, wie ich es selten in Romanen erlebe. Es ist eine düstere Atmosphäre, die von Einsamkeit und Sinnlosigkeit zeugt. Von Lebensjahren voller enttäuschter Hoffnung und einer Zwecklosigkeit, die dir jeden Lebenswillen raubt. Der Roman bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was mein eigener Antrieb im Leben ist.
Wenn du literarische dystopische Romane wie „Station Eleven“ von Emily St. John Mandel oder „Die Nichtswürdigen“ von Agustina Bazterrica mochtest, ist der Roman auf jeden Fall ein Must Read für dich!
Ein großes Dankeschön an den Klett Cotta Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar!
Aus dem Französischen von Luca Homburg





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