„Ein unzeitgemäßeres Buch ist kaum denkbar“ steht auf dem Klappentext von „Hauch“. Und das sehe ich auch so. Aber jetzt kommt das Paradoxe: ich meine das keineswegs negativ. Ob ich dem zweiten Teil des Satzes „- und zugleich leuchtet keines unsere Gegenwart so hell aus“ auch so uneingeschränkt zustimmen würde, weiß ich jetzt nicht. Aber ich finde definitiv, dass gerade die gerade die unzeitgemäße Entschleunigung von Xaver Bayers Roman die Schnelllebigkeit unserer Zeit besonders betont.
Aufgebaut ist der Roman ganz klassisch als typischer Briefroman. Ein Mann, Veit, und eine Frau, Dora, schreiben sich Briefe. Bayer hat sich, anders als andere zeitgenössische Autor*innen, dagegen entschieden, das Format des Briefromans in eine modernere Form, wie z.b. digitale Kurznachrichten, einen Chatverlauf oder Emails zu übertragen. Dora und Veit schreiben auf Papier und bringen ihre Briefe dann zur Post. Dadurch entsteht eine Mittelbarkeit, die ich als sehr ungewohnt empfinde.
Im Laufe des Briefwechsels geht für mich hervor, dass Veit und Dora eine (romantische?) Beziehung verbindet, die sie zur Zeit aber pausieren und auf Distanz leben. Während sich Veit aufs Land zurückgezogen hat und sich dort in Ruhe seinen Schreibprojekten widmet, arbeitet Dora in der Stadt als Übersetzerin und nimmt am modernen Leben teil. Über die Briefe bleiben sie in Kontakt und lassen einander an ihrem Alltag teilhaben.
Sie schreiben auch über ihre Gedanken und Träume. Während sich Dora zunehmend um politische und gesellschaftliche Entwicklungen sorgt, bleibt Veit lieber in seiner abgeschlossenen ländlichen Bubble und verweigert sich einer Auseinandersetzung mit globalen Problemen.
Ein „Hauch“ oder ein ausgewachsener Sturm?
Beide eint eine wachsende Verzweiflung über die zunehmende Abhängigkeit der Menschen von technischen Geräten und digitalen Medien und die damit einhergehende analoge Vereinsamung und Entfremdung.
„Eventuell ist unsere gesamte Technik selbst als ein Mittel der Natur zu verstehen, die Entfernung des Menschen von der Welt voranzutreiben.”
Auf mich wirken die Beobachtungen der beiden, beispielsweise von Jugendlichen, die nur noch in ihr Smartphone schauen, tatsächlich ziemlich aus der Zeit gefallen und befremdlich outdated. Wir leben bereits in einer Zeit, in der eine wachsende Zahl von Menschen eine KI als Begleiter und „Freund“ sehen und regelmäßig für persönliche Gespräche und als Lebensratgeber nutzen.
Die Welt ist im Wandel.
Ein Motiv, das Bayer intensiv, aber subtil in seinem Roman aufgreift. Symbolisiert werden die ständigen Veränderung, denen wir alle unterworfen sind, nach meiner Lesart durch den Wind, der sich immer wieder durch Doras und Veits Briefe zieht, mal als zarte Brise, mal als aufrüttelnder Sturm.
Es steckt also mehr in dem Briefwechsel als die Gegenwartsüberdrüsigkeit eines älteren Paares und ihr Klagen über zeitgenössische Zumutungen. Vielleicht sind Doras und Veits unterschiedlicher Umgang mit ihrer Überforderung zwei typische Reaktionen auf unsere Zeit: Während Dora sich konfrontiert und zunehmend Angst bekommt, bevorzugt Veit lieber den Rückzug und die Flucht in eine heilere Welt.
Können die beiden sich verstehen und wieder miteinander auskommen?
„Hauch“ hat mich zum Nachdenken über meine eigene Einstellung angeregt und mich auch meine Lesegewohnheiten hinterfragen lassen.
Vielen lieben Dank an den österreichischen Jung&Jung Verlag für das interessante Rezensionsexemplar mit dem schönen Cover! Danke und viel Erfolg an Xaver Bayer für seinen Roman.




Schreibe einen Kommentar