Diesen Roman hätte ich ja auch gerne auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gesehen, selten lese ich so glasklare und intensive Prosa. “Erde” ist nach vielen journalistischen und essayistischen Veröffentlichungen meines Wissens nach der erste Roman des in Schweden lebenden Soziologen, Philosophen und Schriftstellers.
Hillenkamp dringt mit seinem Ich-Erzähler Jan ganz tief in die Abgründe einer leeren und widersprüchlichen Existenz ein. Schon die Einleitung, eine Momentaufnahme aus dem aktuellen Leben des erwachsenen Protagonisten, macht klar, dass die Lektüre wehtun wird, dass es um Schmerz gehen wird.
“Die Tränen waren zu klein, um über die Lider zu springen, über meine Wangen zu laufen und zu Boden zu tropfen, ich habe sie mir aus den Augen gewischt.”
Dann der lange Rückblick in den Lebenslauf des jungen Jan. Er wird schon qua Geburt ein Leben jenseits der gesetzlichen Normen führen wird. Seine Mutter widersetzt sich jeglicher Konvention und führt ein promiskuitives Leben. Durch die vielen offenen sexuellen Kontakte und dramatischen Liebesbeziehungen seiner Mutter wird der Junge in seiner Selbstwahrnehmung beschädigt.
Auch seine Mutter ist ihrem kompromisslosen Leben nicht gewachsen. Sie versucht mehrfach sich das Leben zu nehmen, bis es ihr schließlich gelingt. Nach dem Suizid der Mutter folgt für den Jungen Ich-Erzähler eine Zeit der Grenzenlosigkeit und Unbeschwertheit mit seinem Vater und seiner neuen Lebensgefährtin.
“Die Welt ist voller Not und Schmerz und Einsamkeit, aber ich habe alles. Ich bin hübsch und klug, wir haben Geld. Ich bin immer ein Glückskind gewesen, ein Auserwählter.”
“Erde“ – kompromisslos leben?
Doch mit dem Glück kommen auch die Widersprüchlichkeiten, denn Grenzenlosigkeit kommt immer mit einem Preis.
“Alexandra sagt zu meinem Vater: »Bist du verrückt? In seinem Alter sollte Jan keinen Alkohol trinken. Er sollte keine Flaschen in seinem Zimmer haben.«”
Der Ich-Erzähler ist als Jugendlicher zu diesem Zeitpunkt bereits so abgestumpft, dass er Gefühle nur noch schwer wahrnehmen kann. Es ist der Wunsch nach emotionaler Leere, der ihn antreibt. Gleichzeitig sehnt er sich wie wir vermutlich alle danach, so gesehen und geliebt zu werden wie er ist.
Das Gefühl, alle Menschen, die ihm nahekommen früher oder später zu enttäuschen, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Hillenkamp zeigt an den Familiengeschichten von Jans Mutter und Großmutter, die er mit seinen knappen Sätzen umreißt, wie sich Dysfunktionalität und Empathielosigkeit über die Generationen ziehen.
Dazwischen der haltlose Erzähler, der seine innerlichen Widersprüche nicht auflösen und seine Wünsche nicht mehr spüren kann.
“Ist es angenehm?
Ist es unangenehm?
Ich will, dass es aufhört.
Ich will nicht, dass es aufhört.”
Auch in der Liebe findet der Erzähler keinen Halt und Erfüllung. Der Hass bietet ihm nur kurzfristige Erleichterung, bis der Erzähler spürt, dass er sich gegen ihn selber richtet.
Für mich war “Erde” ein großartiger Roman, der mit literarischer und emotionaler Essenz glänzen kann. Ich fand, dass sein Ich-Erzähler durchaus als trauriges Kind unserer Zeit gesehen werden kann. Obwohl er sich von außen gesehen unendlich viel Freiheit zugesteht (Sex, Frauen, Freunde) und in maximaler Unverbindlichkeit und Verantwortungslosigkeit lebt, ist es kein glückliches Leben.
Man glaubt zu wissen, wie Jans Lebensgeschichte weitergehen würde, aber vielleicht täusche ich mich da auch, schließlich endet die Einleitung und somit auch Jans Geschichte positiv optimistisch:
“Die weißen Flecken im Blau des Himmels sind mir ein Zeichen des Guten gewesen.”
Vielen lieben Dank den Klett Cotta Verlag für das schöne und gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Sven Hillenkamp für seinen Roman!





Schreibe einen Kommentar