„Irma tanzt“ ist nach „Das Lieben danach“ schon der zweite literarische und autofiktionale Essay, in dem Helene Bracht prägende, reale Ereignisse aus ihrer eigenen Familiengeschichte bearbeitet. Ihre zweite Veröffentlichung hat sie ganz ihrer Mutter Irma gewidmet.
Irma wird 1911 als Kind einer unverheirateten Mutter geboren, die bei der Geburt stirbt. So wächst sie auf, ohne je eine Person „Mama“ oder „Papa“ genannt zu haben, wie Bracht als Erwachsene bewusst wird. Erst als es ihrer Mutter gesundheitlich sehr schlecht geht und diese verwirrt in einem Krankenhaus gepflegt werden muss, setzt Bracht sich mit der Geschichte, der Kindheit und mit der Ehe ihrer Mutter auseinander. Bracht ist zu diesem Zeitpunkt selbst eine junge Frau mitten im Leben und von der Situation ihrer Mutter teilweise genervt und überfordert.
Dass ihre Mutter für sie Briefe und Dokumente hinterlegt hat, empfindet sie als Zumutung, taucht dann aber doch in die Abgründe der toxischen Ehe ihrer Eltern ein.
Irma tanzt – bis zum Schluss
Ich muss sagen, der Briefverkehr des ungleichen Ehepaares, den Bracht ausschnittsweise in ihrem Essay wiedergibt, liest sich für mich ziemlich erschreckend und wirft ein äußerst gruseliges Licht auf das Frauenbild dieser Zeit. Bracht versucht ihren Vater und ihre Mutter zu verstehen und die Auswirkungen dieser Ehe im Kalten Krieg auf sie selbst.
In „Irma tanzt“ zeichnet Bracht ihre Mutter als lebendige und optimistische Frau, die bis zu ihren Tod tanzen will, obwohl das Leben und die Gesellschaft ihr wenig Gründe und Gelegenheiten dafür geboten haben.
Ich habe in letzter Zeit sehr viele Texte von Frauen gelesen, die sich literarisch den Leben ihrer Mütter annähern und die alle sehr verschieden waren. Mir persönlich haben beispielsweise „So voller Leben – Über meine Mutter“ von Pascale Hugues und „Muttermale“ von Dagmar Leupold etwas besser gefallen, da mich die Bücher emotional mehr erreicht haben und die Autorinnen die Lebensgeschichten ihrer Mütter auch detaillierter in einem zeitgeschichtlichen Kontext betrachtet haben.
Dennoch ist „Irma tanzt“ natürlich eine Empfehlung, wenn dich eine persönliche und ehrliche Annäherung an die eigene Mutter und ihrem Leben interessiert.
Vielen lieben Dank an Hanser Literatur für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Helene Bracht für ihr Buch!


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