Es könnte sein, dass ich, wenn ein Roman “Für meine Freundinnen in technischen Berufen“ gewidmet ist, schon ein bisschen positiv voreingenommen bin. Schließlich fühle ich mich da als Bauingenieurin direkt angesprochen. Außerdem freue ich mich immer, wenn ein Roman im Umfeld technischer Berufe spielt, denn ganz oft haben Protagonist*innen mehr so Berufe wie Schriftsteller*in oder andere sehr kreative Berufe.
Die österreichische Schriftstellerin siedelt ihren neuen Roman in der Maschinenbaubranche an und ist selbst Diplom Maschinenbauingenieurin. Genauso wie ihre Protagonistin Cleo (ist der Spruch „Karo Hemd und Samenstau, ich studier Maschinenbau“ eigentlich verbreitet bekannt oder nur unter Studierenden technischer Fachrichtungen?).
Cleo arbeitet in der Automobilindustrie und soll die technischen Entwicklung von Elektromobilen für den Konzern voranbringen. Ein eigenes Model soll her, dass natürlich die eierlegende Wollmilchsau sein muss und sich entsprechend verkaufen soll um die angeschlagene Firma wieder „back on track“ zu bringen. Doch bis jetzt steht eigentlich nur der Name des erwartungsüberladenen Modells: Leila.
Doch wie das immer so ist in Konzernen, die eine gewisse Mitarbeiterzahl überschritten haben und auf eine längere Firmengeschichte zurückblicken können. Der Wasserkopf ist aufgebläht und in den unteren Etagen interessiert man sich mehr für den Speiseplan der Kantine als für wahre Innovation. Mahlzeit!
Cleo macht sich über diese Strukturen auch recht wenig Gedanken, Hauptsache der Gehaltscheck am Anfang des Monats passt. Aber dann verkündet ihr Vorgesetzter, dass er im neuen Elite-Projekt der Firma, eine Zusammenarbeit mit China, einen Platz mit ihr besetzten will. Oder mit Martin. Wen von beiden er nach China mitnimmt, will er die nächsten Wochen entscheiden.
Crashtest Dummies oder Bambis?
Cleo weiß auch gar nicht, ob sie überhaupt Bock auf China hat, aber auf jeden Fall hat sie keinen Bock gegen Martin zu verlieren und nimmt die Herausforderung an. Und die besteht in einem kapitalistisch durch organisierten Konzern darin, Leistungsbereitschaft und Motivation zu demonstrieren und gegebenenfalls vorzutäuschen.
Im Laufe des Romans spitzt Spannagel die Konkurrenzsituation der beiden zu und schnell greifen beide auf nicht ganz ethisch korrekte Mittel zurück.
Der Roman ist mit 400 Seiten recht umfangreich und anfangs dachte ich noch, er wäre vielleicht ein wenig lame, weil Spannagel ihre gesellschaftskritischen und feministischen Spitzen noch nicht extrem genug pointiert, aber dieser Eindruck täuscht. Das Tempo zieht später definitiv an und auch die Geschichte spitzt sich noch erfreulich zu und erreicht ein gewisses Level an Absurdität. Mich erinnert „Crashtest Dummies“ ein bisschen an die Romane von Elias Hirschl, die aber meiner Meinung nach noch schärfer, satirischer und überspitzter sind. Dafür bringt Spannagel aber einen bitterbösen „female gaze“ mit, den ich hart abfeiere und den ich noch viel mehr in der Literatur lesen will.
Ich mochte ihre Darstellung der potenzverherrlichenden Automobilbranche und wie sie die Ablehnung der Elektromobilität als Kastrationsangst benennt. Spannnagels Roman ist mit seinem Kapitalismus– und Gesellschaftskritik direkt am Puls der Zeit und sie zeigt ausschnittsweise, was (nicht nur) in Automobilkonzernen schiefläuft.
Auch literarisch hält sich Spannnagel nicht zurück und fordert die erwachsene Leserin auf, selbst zu ergänzen und je nach Grad der eigenen Versautheit zwischen den Zeilen zu lesen, was mir natürlich gefällt.
Keine Frage, “Crashtest Dummies” hat mich super gut unterhalten und sehr erfreut.
Ein großes Dankeschön an Penguin Bücher für das glänzende Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Mercedes Spannagel für ihren Roman!





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