Malin C.M. Rønning ist eine norwegische Autorin. Nach „Skabelon“, das in Norwegen sehr positiv aufgenommen wurde und auch ins Deutsche übersetzt wurde, ist „Das zwölfte Haus“ ihr zweiter Roman.
Mich hatte der Roman aufgrund seiner Kurzbeschreibung gleich angesprochen und Literatur aus Norwegen ist eigentlich fast immer eine Bereicherung.
Und der Roman beginnt auch gleich relativ dramatisch: Die Ich-Erzählerin Molli erfährt, dass ihr Bruder Bill schwer verletzt an einem Fluss aufgefunden wurde, neben ihm die Leiche seines Freundes Ib. Jetzt liegt Bill im Krankenhaus im Koma und Molli kehrt in ihren Heimatort zurück.
Am Krankenbett ihres Bruders trifft sie auch ihre Mutter Karla wieder, mit der sie ein schwieriges Verhältnis hat. Wobei schwierig noch untertrieben ist, denn Karla hatte sich nie gut um ihre Kinder Bill und Molli gekümmert, sondern sich einen gewalttätigen Partner ins Haus geholt. Mit dem sie bis heute zusammen ist.
Mollis Kindheit war geprägt von Vernachlässigung und Gewalt. Während sie darauf hofft, dass ihr Bruder, der genauso unter seinem Stiefvater gelitten hat, wieder aus dem Koma erwacht, denkt sie an ihre Kindheit zurück. Viele Ereignisse und Beobachtungen kann sie jetzt erst als Erwachsene einordnen.
Die Erzählerin denkt besonders an einen Sommer zurück, in dem sie 10 Jahre alt war und von ihrerMutter wochenlang alleine zurückgelassen wurde, nur mit Bill und einem Onkel als Bezugspersonen.
In diesem Sommer passierten …Dinge. Und Molli will endlich davon erzählen.
„Ich will von der Gewalt erzählen, denn sie hat uns eingeholt. Ich sage uns, auch wenn es Bill ist, der im Krankenhaus liegt. Wenn ich sie ertragen soll, muss die Gewalt gleichmäßig verteilt werden, das habe ich mir vorgenommen. Die Gewalt hat keinen Anfang, es gibt keinen Punkt, an dem sie zum ersten Mal auftritt.“
Was ist „Das zwölfte Haus“?
Das klingt jetzt schon alles sehr dramatisch, und das ist es auch, aber ich empfinde den Roman als das Gegenteil davon. Und damit meine ich jetzt nicht langweilig. Trotz der dramatischen Ereignisse lässt Rønning ihre Erzählerin die Geschichte ganz ruhig erzählen, so als ob sie ihr erst während des Erzählens bewusst würde. Das fügt sich auch sehr gut mit der lakonischen Erzählstimme der 10-jährigen Molli zusammen, die manchmal mit der der erwachsenen Molli verschmilzt.
Dadurch erschafft Rønning eine ganz einzigartige und bedrückende Atmosphäre, die irgendwo zwischen Melancholie und Traurigkeit schwebt. Molli wird sich langsam ihrer verlorenen Kindheit bewusst und dessen, was sie und ihr Bruder entbehren mussten: die Liebe und die Geborgenheit eines sicheren Zuhauses. Die verdrängten Traumata ihrer Kindheit und jenes furchtbaren Sommers kommen endlich zurück an die Oberfläche.
Auch der Schluss macht mich traurig, entlässt mich aber zum Glück nicht ganz hoffnungslos aus dem Roman.
„Das zwölfte Haus“ ist sicher eine Empfehlung für alle, die sich gerne auf besondere und atmosphärische Literatur einlassen, die sich auf die innere Entwicklung ihrer Figuren fokussiert.
“Ich denke an den trockenen Geruch von Heidekraut und Fichten im Wald. An den schwarzen Rauch, der zum Himmel gestiegen ist.”
Vielen lieben Dank an den unabhängigen Verlag Karl Rauch und Politycki & Partner für das wunderschöne Rezensionsexemplar.
Aus dem Norwegischen von Andreas Donat




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