Der Film von Kristín Eiríksdóttir

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Der Film von Kristín Eiríksdóttir

Von dem Buchcover von „Der Film“ war ich erst irritiert. Warum so verpixelt und schwer erkennbar? Jetzt habe ich den Roman beendet und finde es genau richtig, weil er Eiríksdóttirs Thema perfekt widerspiegelt.

Kristín Eiríksdóttir zählt zu den wichtigsten literarischen Stimmen Islands und „Der Film“ ist ihr erster ins Deutsche übersetzter Roman.

Er ist ein multiperspektivisches Puzzle über die Frage, ob es so etwas wie eine wahre Geschichte gibt und ob eine solche heute noch darstell- und vermittelbar ist. Aktueller geht es im Zeitalter von Social Media eigentlich nicht mehr.

»Es sind nur Geschichten, und sobald etwas zu einer Geschichte geworden ist, ist es nicht mehr wahr. Das Einzige, was wahr ist, ist das Hier und Jetzt, dreidimensional, man kann es einatmen, aber noch nicht analysieren oder verstehen.«

Den größten Teil des Romans nimmt Eiríksdóttirs Erzählerin Villa ein. Sie erzählt als einzige aus der Ich-Perspektive und sitzt zu Beginn des Romans in einem Interview über ihren polarisierenden Dokumentarfilm über das Leben und den Alltag eines Walfängers. Villas Film, der das sowieso kontrovers diskutierten Thema Walfang aufgreift, steht in der Kritik, dass er auf das Leben des Walfängers Dimmi, der auch ein Gewalttäter ist, zu empathisch eingeht und somit seine Taten relativiert.

Jetzt muss sich Villa den kritischen Fragen der Moderatorin stellen.

Mit Dimmi, den Protagonisten ihres Dokumentarfilms, den sie gemeinsam mit ihrer Freundin Ninja gedreht hat, verbindet sie eine längere Geschichte, die weit in die Vergangenheit reicht…

Was zeigt „Der Film“?

Es ist sehr schwierig, den Inhalt des Romans grob zusammenzufassen, da er immer wieder die Erzählzeit wechselt und nicht chronologisch verläuft. Das verstärkt das Gefühl, beim Lesen ein großes Puzzle zusammenzusetzen. Später, wenn Eiríksdóttir Villas Perspektive noch mit weiteren Erzählstimmen ergänzt, glaube ich machmal, das Bild der Ereignisse zusammensetzten zu können, aber es bleibt verschwommen. Wie Eiríksdóttir die verschiedenen Facetten der Geschichten zusammensetzt finde ich ganz besonders großartig. Figuren, die in der einen Geschichte nur am Rand stattfinden, haben in einem anderen Bezug eine ganz andere Bedeutung und ihre Lebensgeschichte ein anderes Gewicht.

Dabei sind alle von Eiríksdóttirs Figuren sehr ambivalent angelegt, was mir super gut gefällt, weil es meiner Ansicht nach die Realität abbildet. Auch Villas und Ninjas Versuch mit dem Film eine authentische Wahrheit abzubilden, ist letztendlich von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil er auf Dimmis Perspektive und somit seine Wahrheit beschränkt ist. Und auf das, was sich beide Regisseurinnen entscheiden zu zeigen.

Was mich am Schluss des Romans besonders fasziniert, ist eine raffiniert konstruierte Doppelparellele: Es gibt neben Dimmis verlorener Kindheit und der dysfunktionalen Beziehung zu seinen Eltern noch einen weiteren Jungen, dessen Kindheit belastet verlaufen ist…oder?

Auch wenn ich manchmal ein bißchen den zeitlichen Überblick verloren hatte, fand ich „Der Film“ einen spannenden und überaus vielschichtigen modernen Roman, der mir vor allem wegen seiner unberechenbaren Erzählerin sehr gut gefallen hat!

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  • Der Film von Kristín Eiríksdóttir Klappentext

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