Als ich „Die Routinen“ beendet hatte, fiel es mir erst schwer, meine Gefühle zu sortieren. Meine Wut dominierte, doch eigentlich fühlte sich mein Herz auch schwer vor Trauer an. Und dahinter unendlicher Frust und Müdigkeit.
Ja, der Roman hat mich emotional sehr mitgenommen und ist für mich bis jetzt ein Highlight unter den Neuerscheinungen.
Ich fand „Die Routinen“ nicht nur inhaltlich und thematisch wichtig, sondern auch literarisch herausragend.
Und dabei habe ich mit Turnen eigentlich gar nichts am Hut. Ich kenne den Sport, der im Mittelpunkt von Son Lewandowskis Roman steht nur aus der Außenperspektive, aus den Übertragungen von Wettkämpfen und den Presseberichten über die vielen Skandale.
Und eigentlich ist nicht der Sport der Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen Romans, sondern dessen misogynes und menschenverachtendes System, das darin verwurzelt ist. Ein System, das sich ohne Probleme in viele andere Bereiche unserer Gesellschaft übertragen lässt.
Lewandowski beschreibt Turnen als einen Sport, der immer auch von einer sexistischen Vorstellung geprägt war. Übungen, Geräte und Kleidung unterscheiden sich für Männer und Frauen und sollen jeweils die zugeschriebenen Stärken eines Geschlechts hervorheben und betonen.
Die herausragenden Leistungen, die in den Disziplinen erzielt werden sollen, sind nur durch jahrelanges wortwörtlich knochenhartes Training in sehr jungen Jahren zu erreichen. Und durch die entmenschlichte Einübung von Routinen.
„Routine ist eine Erinnerung ohne Gefühl.“
Lewandowski spannt einen Bogen von 1968, von Věra Čáslavská, „der letzten Turnerin, die noch Frau sein durfte“, über die unsterbliche Nadia Comăneci bis heute, bis zu ihrer fiktiven und anonymen Ich-Erzählerin bei der Turn-Europameisterschaft in Antalya 2023.
Dabei thematisiert Lewandowski die Verschränkung von Sport und Politik, bei der die Erfolge vor allem für die sozialistischen Länder der Vergangenheit von immenser Bedeutung waren.
„Wer von euch kann ein Rad und wer von euch kann die Hymne mitsingen?“
Doch auch heute noch sollen die Erfolge der Athletinnen die Potenz und die Wettbewerbsfähigkeit ihres Herkunftslandes demonstrieren. Dass die Gesundheit der Sportlerinnen dabei auf der Strecke bleibt und als quasi Opfer dargebracht wird, zeigt eindrucksvoll in der Öffentlichkeit deren Glaube und Verbundenheit mit ihrer Nation.
Alles „Routinen“?
Ich würde Lewandowskis Text als einen Kollektivroman beschreiben und das Kollektiv bestehend aus den Stimmen von Generationen von Turnerinnen. Die Passagen mit der aus dem Wir herausgelösten Ich-Erzählerin unterstreichen in ihrer Namenlosigkeit und ihrer Fiktivität diesen Erzählcharakter.
Ich fühle mich ertappt, als Lewandowski das Entblößtwerden der Athletinnen beschreibt, die herangezoomt durch die Kamera für die Blicke des Publikum, gleichermaßen auch deren Bewertung preisgegeben sind. Auch mir sind teilweise schon die unangemessene Kameraführung und die unsensiblen Kommentatoren während Wettkampfübertragungen aufgefallen. „Weiter aufgepreizt werden“ nennt es Lewandowski.
Diese ganzen Schmerzen und Opfer. Für wen? Für die Trainer? Für die Nation? Ganz sicher nicht für die Athletinnen.
Dafür nimmt Lewandowski ganz klar die Position und die Perspektive der Sportlerinnen ein. Sie schafft (bewusst?) keinen Raum für Ambivalenz. Als Mensch, der selbst Sport ausübt und liebt, bin ich versucht, den Sport und die körperlichen Grenzverschiebungen, die für Spitzenleistungen nötig sind, zu verteidigen. Dabei ist es nicht der Sport, den Lewandowski anklagt, sondern das System. Je weiter der Roman voranschreitet, desto deutlicher werden die Verfehlungen seiner Erschaffer und Profiteure. Und die Doppeldeutigkeit des Begriffs „Routinen“.
Ich bin on fire für diesen Roman und empfehle ihn dir dringend, wenn du auf anspruchsvolle feministische Literatur abfährst.
Vielen liebe Dank an den Klett Cotta Verlag für das interessante und gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Son Lewandowski für den Roman!





Schreibe einen Kommentar