Der Schriftsteller Christoph Peters hat bereits zahlreiche Romane und Erzählungsbände veröffentlicht und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet. Für mich ist „Entzug“ allerdings der allererste Kontakt mit dem vielseitigen und renommierten Autor.
Ich habe nämlich, seit ich als Jugendliche mit der Lektüre von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ein extrem prägendes und augenöffnendes Leseerlebnis hatte, eine ausgesprochene Vorliebe für Quit Lit.
Und „Entzug“ ist, wie der Romantitel verrät, klassische Quit Lit. Sie erzählt davon, wie der Ich-Erzähler erst seine Alkoholkrankheit erkennt und sich dann zu einem medizinisch begleiteten Entzug in einem Krankenhaus entschließt.
Der Ich-Erzähler ist genauso wie Peters Schriftsteller und hat ein Studium der bildenden Künste absolviert. Ich gehe also von gewissen autofiktionalen Anteilen des Romans aus. Besonders deutlich wird das am Buchcover, denn es zeigt ein Selbstporträt des Autors, das er mit 16 Jahren gemalt hat und dessen Entstehungsgeschichte auch der Erzähler im Roman beschreibt.
Es zeigt einen Menschen, der trotz des jungen Alters bereits von Enttäuschung, von innerer Leere und von Auswegslosigkeit gezeichnet ist. Was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, ist das dieser Mensch bereits gelernt hat, seine Gefühle mit Alkohol auszuschalten.
Mehr als 20 Jahre später steht der Erzähler am Tiefpunkt seiner durchgehenden Alkoholsucht.
“Ich muss aufhören zu trinken.
Ich kann nicht aufhören zu trinken. Wegen der Panik, die dann ausbricht, vor allem wegen des Zitterns, das jedem, der mich sieht, sofort unmissverständlich vor Augen führt, dass diese Grenze überschritten ist – dass ich diese Grenze überschritten habe, hinter die es kein Zurück gibt.”
Sein Körper toleriert die permanente Vergiftung nicht mehr und zwingt ihn schmerzhaft dazu, den Selbstbetrug aufzugeben. Den ersten Schritt, gegenüber anderen, vor allem gegenüber seiner Frau zuzugeben, dass er Alkoholiker ist und Hilfe braucht, ist peinvoll. Genauso wie der Schritt, sich für den Entzug in einer Suchtklinik anzumelden.
Den Entzug selbst und den Aufenthalt in der Klinik lässt Peters seinen Erzähler sehr detailliert und ausführlich beschreiben.
Entzug – und dann?
Es ist die große Stärke des Romans, dass vor meinem inneren Auge die Mitpatient*innen und Angestellten der Klinik lebendig werden und der Erzähler mich an seinen großen Selbstzweifeln teilhaben lässt. Interessant finde ich auch wie sich allmählich der Nebel aus Selbstbetrug um ihn lichtet. Er erkennt, dass obwohl er Künstler ist, auch seine Sucht letztendlich genauso trivial und prosaisch ist wie die der anderen Suchterkrankten. Auch wenn der Alkohol vermeintlich seine Kreativität und seinen künstlerischen Output befeuert hat, wird er, genauso wie der Aldi-Penner, an seiner Sucht sterben, wenn er nicht mit dem Trinken aufhört.
Dabei ist „Entzug“ keine gesellschaftskritische Abrechnung mit dem Stellenwert von Alkohol in unserer Gesellschaft auch wenn Peters durchaus die Problematik der starken Normalisierung von Alkoholkonsum andeutet. Auch der Zusammenhang zwischen toxischen Männlichkeitsbildern und Alkoholkonsum wird nur dezent angedeutet, aber nicht weiter ausgearbeitet. „Entzug“ ist vielmehr die ganz individuelle Geschichte eines Erzählers, der weiß, dass er leben möchte und den Kampf gegen die Sucht aufnimmt.
Wer bin ich ohne die Sucht?
Ich lese den Roman mit großen Interesse und noch viel größerem Mitgefühl. Allerdings kann ich mich einiger feministischer Störgedanken nicht erwehren. So erinnert mich die stetige Nennung „der Frau“ als eine Art Institution anstatt eines Individuum unangenehm an den Sprech mancher meiner Arbeitskollegen, die ihre Frau „die Regierung“ nennen, um (mutmaßlich) über jede emotionale Angreifbarkeit erhaben zu sein. Außerdem überreizt Peters die Wiederholung des „der Tochter, meiner Tochter, meines kleinen Mädchens“ für meinen Geschmack zu sehr. Sicherlich zeigt es die verletzliche Liebe des Erzählers zu seinem Kind. Doch für mich liest sich die Eigenschaftslosigkeit und Austauschbarkeit von Frau und Kind wie Male Gaze. Und nicht wie der Schutz von deren Privatsphäre, als die es viel wahrscheinlicher gedacht ist.
So bleibe ich in gewisser Distanz zum Erzähler und seinen Erfahrungen, was den Roman, der literarisch sicher sehr gelungen ausgearbeitet ist, nicht weniger lesenswert macht. Aber eben (für mich) nicht zu einem emotionalen Highlight.
Auch als Hörbuch besonders empfehlenswert, da dank der phänomenalen Leistung des Schauspielers und Sprechers Nico Holonics, der Sucht-und Klinikalltag des Erzählers in meinen Ohren lebendig wird
Ein großes Dankeschön an Luchterhand Literatur für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar und das digitale Hörexemplar. Danke und viel Erfolg an Christoph Peters für seinen Roman!
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