Der Debütroman „Die Schlafenden“ von Anthony Passeron, der nicht nur in Frankreich sondern auch international ein großer Erfolg war, hat mir so gut gefallen, dass ich schon sehr gespannt auf seinen zweiten Roman war. Auch in „Jacky“ bewegt sich sein Erzähler wieder im gleichen Milieu und in der gleichen Familie wie in „Die Schlafenden“. Aber während Passeron „Die Schlafenden“ ganz dem Onkel des Erzählers widmet und dem Einbruch von Drogen und HIV in die französische Provinz, dreht sich in „Jacky“ alles um den Vater des Erzählers und dessen Lebensgeschichte.
Ein „Jacky“ ist eine „Art Hinterwäldler, die in einer Schrottkarre voll bescheuertem Technikkram durch die Gegend fährt.“ Und Jacky ist der Spitzname des Vaters des Erzählers.
„So erfuhr ich zum ersten Mal von diesem Ausdruck, der auf alle Typen meiner Kindheit zutraf. Es gab ein Wort für die Männer aus der Welt, in der ich aufgewachsen war, und dieses Wort war der Name meines Vaters.“
Parallel zur dieser Geschichte beschreibt Passeron welche Rolle Videospiele in der Beziehung zwischen dem Erzähler und seinem Vater gespielt haben.
Wie schon in seinem Vorgängerroman verknüpft Passeron die persönliche Geschichte des Erzählers mit fachlichen Kapiteln. Hier mit Kapiteln, die sich der allgemeinen Entwicklung und der Historie von Videospielen widmen.
Mir gefällt diese Mischung aus Roman, Memoir und Sachbuch ziemlich gut.
Der junge Erzähler, der fast im gleichen Jahr geboren wurde wie ich, entdeckt (anders als ich) schon früh seine Leidenschaft für Videospiele. Auch sein Vater Jacky und sein Bruder teilen diese Faszination für die digitalen Welten.
Für die Männer der Familie wird die Konsolen zum gemeinsamen Zufluchtsort aus der Tristesse des französischen Provinzalltags der 80er.
Der Erzähler liebt das gemeinsame, verbindende Zocken mit dem Vater, der sonst nur wenig Zeit für die Kinder hat.
Wer ist JACKY?
Doch immer mehr Schicksalsschläge wie der Tod des Onkels und die HIV-Erkrankung dessen Tochter (die in „Die Schlafenden“ thematisiert werden) lassen die Unbeschwertheit verschwinden. Bald kann und will der Vater den immer komplizierteren Computerspielen, die auf den Markt drängen nicht mehr folgen.
Etwas geht unwiderruflich verloren.
Du liest gerne die Romane des Franzosen Édouard Louis? Dann solltest du auf die Romane von Anthony Passeron unbedingt auch einen Blick werfen. Ich finde, er erzählt ebenfalls super lesenswerte Autofiktion, allerdings ohne die literarische Verdichtung (oder Selbstverliebtheit, wie manche sagen) die die Bücher von Louis zu Bestsellern gemacht haben.
Mir hat „Jacky“ trotz des komplett anderen Themas als in „Die Schlafenden“ wirklich sehr gut gefallen, und ich möchte zweifellos auch den nächsten Roman des mittlerweile als freier Schriftsteller lebenden Franzosen lesen!
Vielen lieben Dank an den Piper Verlag für das schöne Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg für Anthony Passeron für seinen zweiten Roman.
Übersetzung aus dem Französischen von Lena Müller





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