Als ich „KALA“ aufschlage, bin ich erst mal ein bisschen abgeschreckt. Auf den ersten Seiten entdecke ich ein Personenverzeichnis.
In der Regel kein gutes Vorzeichen für meine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Und in der Tat brauche ich eine Weile, um die Figuren kennenzulernen und ihre Beziehungen zueinander in die richtige Ordnung zu bringen. Aber zum Glück habe ich ja auf weit über 500 Seiten genug Zeit dazu.
Und zwar auf über 500 spannenden und kurzweiligen Seiten, denn „Kala“ wird seinen Vorschusslorbeeren mehr als gerecht und ich fühle mich bestens unterhalten.
Das Setting ist klassisch: eine irische Kleinstadt, zwei Zeitebenen, eine kleine Gruppe aus Freund*innen und jede Menge Geheimnisse. Allen voran das mysteriöse Verschwinden der titelgebenden jungen Kala, 15 Jahre vor der Jetzt-Erzählzeit. Kala war damals Teil besagter Teenager Clique, von denen sich jetzt Helen, Mush und Joe wegen einer Hochzeit in ihrem Heimatort wieder treffen. Joe, der damals der Boyfriend von Kala war, ist heute ein einigermaßen berühmter Musiker und kämpft mit seinem Alkoholkonsum. Helen hatte die erste Gelegenheit ergriffen aus dem engen Dörfchen zu fliehen und kehrt nur widerwillig zur Hochzeit ihres Vaters aus Kanada zurück.
Und Mush, gezeichnet von schweren Narben im Gesicht hat das Kinlough nie verlassen und arbeitet immer noch im kleinen Café seiner Mutter.
Natürlich haben seine Narben eine geheimnisvolle Ursache, die in der Vergangenheit liegt. Genauso wie die vielen unausgesprochenen Beziehungskomplikationen, die beim Aufeinandertreffen der alten Freund*innen schnell deutlich werden.
Kala – trotz einiger Stereotypen ein spannender Pageturner
Es ist für mich der große Reiz des Romans, dass Walsh, der aus wechselnder Perspektive von Helen, Joe und Mush erzählt, deren Gefühlswelt und Erleben nachvollziehbar und psychologisch glaubhaft beschreibt. Und natürlich entsteht so durch kleine Cliffhänger und fehlende Puzzlestücke jede Menge Spannung.
Und tatsächlich wird während die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange sind, eine Leiche auf einem Baugrundstück gefunden. Es ist Kala.
Ich muss sagen, die Krimielemente sind für mich jetzt definitiv nichts, was ich nicht schon mehrfach gelesen hätte. Es gibt die lokalen halblegalen Rockerbanden, ein paar Privatermittlungen, die typischen Klassenunterschiede auf dem Dorf, das unausweichliche slut shaming und jede Menge toxische Männlichkeit. Ein bisschen stört es mich, dass Walsh seine Figuren für mein Empfinden so wenig moralisch ambivalent anlegt. Mir ist sofort klar, wo die Figuren auf der Skala zwischen Gut und Böse einzuordnen sind und so sind die Enthüllungen der letzten Seiten keine großen Überraschungen für mich.
Trotzdem erzählt Walsh „Kala“ so gekonnt, dass ich mich jederzeit bestens unterhalten fühle. An die psychologische Qualität und die Faszination die die Romane von Tana French auf mich ausüben, reicht er aber (noch?) nicht heran.
Ein großes Dankeschön an den Gutkind Verlag für das sehr gewünschte und spannende Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Colin Walsh für die deutsche Ausgabe seines Romans!
Aus dem Englischen von der mehrfach ausgezeichneten Übersetzerin Andrea O’Brien





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