Medulla von Verena Güntner

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Medulla Verena Güntner Rezension

Nach „Power“ ist „Medulla“ mein zweiter Roman, den ich von Verena Güntner lese. Und genau wie bei „Power“ hat sich Güntner wieder für einen aussagekräftigen Romantitel entschieden, der auf verschiedene Weise auf sein Thema anspielt.

Denn die Medulla ist als wichtiger Teil des Gehirns überwiegend für Funktionen verantwortlich, die nicht willkürlich gesteuert werden, also für alles, was körperlich automatisch abläuft.

Was scheinbar gesellschaftlich automatisch abläuft ist, dass bei Frauen* irgendwie immer davon ausgegangen wird, dass sie vor Ablauf des Verfallsdatums ihrer Fortpflanzungsfähigkeit einen Kinderwunsch entwickeln und auch umsetzen.

Einen krassen und komplexen Kontrapunkt dazu setzt Güntner in „Medulla“. So besonders wie sein Inhalt ist sein formaler Aufbau: nach einer anteasernden Einleitung ist der Roman in drei Abschnitte unterteilt, in denen jeweils die Geschichte dreier Paare erzählt wird, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Schwangerschaft konfrontiert werden. Geplant und ungeplant. 

Die Paare sind nicht mehr ganz jung und bewegen sich in einem städtischen, wohlstandsgesättigten Milieu. 

Liv, Jan, Leyla, David, Esther und Jakob geht es gut, sie haben genug Sex miteinander und mit anderen, interessante Jobs, in denen sie sich verwirklichen können und sind von den Krankheiten und Einschränkungen des Alters noch weit entfernt.

Die Partnerschaften scheinen stabil, fehlt jetzt nur noch ein gemeinsames Kind zum perfekten Glück? Liv weiß im Gegensatz zu Leyla und Esther schon länger, dass sie nie Mutter werden möchte. Leyla möchte mit ihrem Partner David seit längerer Zeit schwanger werden und Esther ist bereits schwanger.

Ihre Männer- und Frauenfiguren sind modernen und individuelle Skizzen von Lebensentwürfen, wie ich sie in meinem persönlichen, sehr ländlich geprägten Umfeld eher seltener vorfinde, mir aber in Großstädten gut vorstellen kann.

Was fehlt noch zum glücklichen Leben?

Umso überraschter bin ich, dass in Güntners Roman das unreflektierte Verfolgen von gesellschaftlichen Konventionen in Bezug auf das Kinderkriegen ein großes Thema ist.

“Draußen will er wissen, warum sie das Kind bekommen wollte, und sie zuckt mit den Schultern. Sie ist überrascht von der Frage, die sie sich selbst nie wirklich gestellt hat. […]Und war es nicht das, was alle machten? Kinder kriegen?”

Ebenfalls überrascht bin ich von den dysfunktionalen Hetero Beziehungen, die Güntners Roman dominieren und von der großen Sprachlosigkeit und der Lieblosigkeit in den Paarbeziehungen. Sind eine Beziehung, Partner*innen oder gar ein Kind nur Häkchen auf der Bucket List des Lebens?

“Sie versteht nur nicht, wie es so weit gekommen ist. Sie wird Mutter werden. Aus diesem Umstand werden sich Aufgaben ergeben, die an Erwartungen geknüpft sind, denen sie sich kaum entziehen können wird. Ihr Leben im Dienst einer Sache, die sich nicht umkehren lässt, die immer nur nach vorne wächst, unablässig braucht und fordert. Es ist eine Falle. Eine, in die sie sich vielleicht nicht willentlich hineinbegeben hat, aber doch eine, der sie nicht ausgewichen ist, als die Möglichkeit dazu noch da war.”

Für mich macht der große Reiz an Güntners Roman aus, dass er sich jeder Eindeutigkeit verweigert und mir als Leserin keine Antworten oder eine klare Deutungslinie vorgibt.  So wie der Titel „Medulla“ bereits viele Interprationsebenen öffnet, tun es auch die Geschichten von Güntners Figuren. Mir gefällt es auch, dass Güntner sich nicht scheut, ihre Figuren hässlich und widersprüchlich zu zeigen, machmal slapstickartig und surreal überzeichnet. Auch die von ihr öfter verwendete schamlosen Körperlichkeit in manchen Szenen lese ich gerne.

„Medulla“ war für mich ein super interessanter, inhaltlich und formal spannender Roman, der auch einiges an Reibung mit sich bringt und nicht auf lesetechnische Befriedigung sondern auf Anregung zum Selberdenken setzt.

  • Verena Güntner
  • Medulla Verena Güntner Klappentext

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