Im Roman „Mein Bruder Wolf“ geht es intensiv um die Trauerbewältigung nach einem Suizid. Der jüngere Bruder Wolf der Ich-Erzählerin Lara verschwindet plötzlich mit 18 Jahren. Sechs Monate später wird in einem Wald ganz im Norden Skandinaviens zufällig seine Leiche gefunden. Er hat sich das Leben genommen. Bei ihm wird ein Notizbuch gefunden, in dem er seine letzte Reise in den Norden und seine Pläne dokumentiert hatte.
Die Erzählerin ist, genauso wie ihre anderen Geschwister und ihre Eltern, von dem Verlust tief getroffen. Und sie quält sich mit Erklärungsversuchen und Schuldvorwürfen. Warum hat Wolf sich entschlossen, das Leben nach so wenigen Jahren wieder zu verlassen? Wie können sie ihrer Trauer gerecht werden?
In dem autobiografisch grundierten Roman lässt die Schriftstellerin Lara Taveirne ihre Erzählerin, die Schriftstellerin Lara, weit zurückgehen in ihrer Familiengeschichte. Sie erinnert sich a die Geburt von Wolf, dem jüngsten von fünf Geschwistern. Somit ist „Mein Bruder Wolf“ nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Trauer um einen geliebten Menschen, sondern auch ein Festhalten von einzelnen Erinnerungsstücken und gemeinsamen Momenten voller Leben.
Wer war „mein Bruder Wolf“?
Die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Notizbuch zeigen mir einen intelligenten jungen Mann, der sich nach Sinn und Bedeutung in seinem Leben sehnt, wie die Männer, die er aus den Geschichten von Jack Kerouac und Jon Krakauer kennt.
„Wenn ich doch nur in einer Geschichte herumliefe, dann würde wenigstens jemand zusehen. Der unstillbare Hunger nach Aufmerksamkeit endlich gestillt.“
Mich berühren gerade diese Tagebucheinträge, weil auch sie keine echte nachvollziehbare Antwort auf das „Warum“ geben.
“Mein Bruder Wolf”, der erst teilweise in Versform entstanden ist und erst später in Prosa überführt wurde, wie Taveirne in einem Interview mit Eichborn verrät, trägt noch viele Spuren seiner Entstehungsgeschichte in sich. Taveirnes Erzählstil ist poetisch und intim. Sie lässt uns nicht nur am Schreibprozess des Romans im Roman teilhaben, sie teilt mit ihren Leser*innen auch die Erinnerungen an den Bruder Wolf.
Ja, „Mein Bruder Wolf“ ist ein trauriges Buch, aber es erschlägt mich keinesfalls mit Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, sondern bestärkt meinen Glauben an die Kraft des Erzählens.
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing (ich glaube, ich habe dieses Jahr eine Serie)
Vielen lieben Dank an den Eichborn Verlag und an Kirchner Kommunikation für das wunderschöne Rezensionsexemplar.




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