Natürlich dachte ich als Erstes, als ich “Mit beiden Händen den Himmel stützen“ in der Verlagsvorschau entdeckte, an „Der Herr der Ringe“. Als ich den Roman dann endlich in den Händen hielt und las, merkte ich natürlich ziemlich schnell, dass diese Assoziation jeglicher Grundlage entbehrt.
Und das liegt nicht nur an dem doppelten kleinen „l“, dass der Großmeister von Mittelerde nicht in seinem Namen trägt. Gegensätzlicher könnten zwei Romane eigentlich nicht sein. Wo Tolkien von Fantasiewelten erzählt und von ehrenhaften, zumeist männlichen, Heldentaten, zeigt mir Lilli Tollkien die Realität einer Kindheit im linken Kreuzberg der 80er Jahre. Und statt moralisch idealisierter und ruhmreicher Helden sind ihre Figuren Junkies, RAF-Sympathisant*innen, gescheiterte Künstler und Intellektuelle.
In diesem Umfeld wächst die kleine Lale, Tollkiens Ich-Erzählerin, auf. Ihre Mutter kann sich auf Grund ihrer Drogensucht nur kurz um sie kümmern, dann kommt Lale in die Fürsorge und wird später von einem Freund ihres Vaters in dessen WG aufgenommen. Dort verbringt die Erzählerin ihre Kindheit und Jugend zwischen wilder Freiheit und Verwahrlosung. Durch andere WG-Bewohner erlebt sie früh schon sexuelle Gewalt und kommt mit Drogen, Alkohol und Kleinkriminalität in Kontakt. Aber auch mit den linken intellektuellen Strömungen, der Musik und dem politischen Widerstand dieser Zeit.
Als wäre sie dabei gewesen…
Tollkien beschreibt dieses Umfeld unglaublich authentisch und ich habe das Gefühl, Lale beim Älterwerden zu begleiten. Dabei reflektiert sie immer stärker ihr Aufwachsen und ihre Vergangenheit, kann sich aber nicht so einfach davon lösen. Immer mehr wird ihr bewusst, wie patriarchal und ungerecht das linke Umfeld ist, in dem sie aufgewachsen ist. Obwohl es vordergründig Gleichheit und Gleichberechtigung propagiert. Und dass die gelebte sexuelle Freiheit für die Männer wie ein Freifahrschein ist, der den Frauen aber weiterhin die ganze Verantwortung überlässt.
Tollkien betont dabei in einem Interview mit dem Verlag, dass diese Strukturen nicht nur in vermeintlichen linken safe spaces wirksam sind, sondern vielmehr in der ganzen Gesellschaft, vielleicht heute sogar mehr denn je.
Mir gefiel dieser unmittelbar spürbare Erzählstil aus Lales Perspektive unwahrscheinlich gut. Das dezente Foreshadowing aus der Rückschauperspektive sorgt für eine gewisse Spannung und ordnet die Geschehnisse teilweise ein. Teilweise lässt Tollkien sie aber auch aus der Perspektive der jungen und kindlichen Lale stehen und überlässt mir als Leserin die schmerzhafte Einordnung.
Ich fand „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ hat die Vibes von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, aber nicht dessen Härte und ist meinem Empfinden nach deutlich poetischer gestaltet.
Es ist meiner Meinung nach ein super starker Debütroman, der auch ohne die dazugehörige Playlist in seinem eigenen, authentischen Sound sehr zu mir spricht und den ich dir auf jeden Fall weiterempfehlen möchte.
Das wunderbare Hörbuch, das genau passend von der Sprecherin und Moderatorin Aileen Wrozyna eingelesen wird, kann ich dir ganz besonders ans Herz legen.
Ein großes Dankeschön an die Aufbau Verlage für das wunderschöne Rezensionsexemplar, genauso wie für das digital Hörbuch über NetGalley.





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