Der Suizid eines nahen Familienangehörigen reißt oft ein tiefes Loch in das Leben aller Hinterbliebenen. Oft bestimmt die Frage nach dem Warum und Schuldgefühle danach den Alltag, aber manchmal auch Wut darüber einfach zurückgelassenen worden zu sein.
Thomas Medicus, der bis jetzt hauptsächlich für seine sehr gelobten Biografien historischer Persönlichkeiten bekannt ist, hat darüber einen Roman geschrieben. „Tatsachenroman“ steht auf dem Cover. Denn es ist eine Tatsache, dass der Vater von T. sich am 10. März 1971 das Leben nimmt. T. ist zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, macht gerade den Führerschein und bereitet sich auf das Abitur vor. Seine jüngere Schwester ist 15.
Der Vater ist ein angesehener Landarzt aus alteingesessener Familie, der zunehmend unter der beruflichen Belastung und großen psychischen Problemen litt, was seine Frau und Kinder schwer belastet hat, dennoch trifft sie der plötzliche Tod des Vaters wie ein Schlag. Die heranwachsenden Kinder überfordert und abgestumpft in ihrer Reaktion.
„Endlich vorbei, wenigstens das, dachte T. Stumpfsinn, Taubheit und diese peinliche Erleichterung, sonst empfand er nichts.”
Was zu dem Suizid erschwerend hinzukommt ist die Tatsache, dass sich der Vater nicht allein umgebracht hat, sondern zusammen mit einer halb so alten jungen Frau, die laut Abschiedsbriefen, mit ihm aus Liebe aus dem Leben scheiden wollte.
Für T.s Mutter ist das einer weitere Schlag. Sie wird zeit ihres Lebens nie mit ihren Kindern über die Ereignisse oder ihre Ehe sprechen. Die Zeit des Totschweigens und der Verdrängung beginnt.
Auch für T. ist nach dem Suizid seines Vaters nichts mehr wie vorher, es ist die große Zäsur in seinem Leben.
“Dieser eine Augenblick, der alles verändert, beeinflusst, beschwert hat. Diese sich einnistende tiefe Traurigkeit, gefräßig wie Krebszellen.“
T. wird erwachsen, wagt den Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Welt und führt ein freies und selbstbestimmtes Leben. Nur die Erinnerung und die offenen Fragen an das Leben und den Tod des Vaters hängen immer belastend über ihm. Erst Jahrzehnte später bemüht er sich um eine Aufarbeitung und fängt an zu recherchieren.
Vaterlos aufwachsen
Was für mich diesen Tatsachenroman so besonders macht, ist wie Medicus T.s Geschichte mit deutscher Zeit- und Mentalitätsgeschichte verbindet. Während T. erzählt taucht er tief in die Lebensgeschichten seines Vater und seiner Mutter ein, beleuchtet die Unterschiede in ihren Herkunftsfamilien und ordnet sie in den historischen Kontext ein. Sowohl T. Vater und Mutter hatten als jungen Menschen noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt und waren danach geprägt von den kapitalistischen Versprechungen der Wirtschaftswunderjahre.
Aber Medicus lässt T. nicht nur vom politischen Kontext erzählen, fast interessanter finde ich seine Beschreibungen, wie sich der Alltag und die Wohnsituation über die Jahrzehnte verändert haben und wie sich diese Veränderungen auf eine Familie auswirken können. Viele Neuerungen bringen Erleichterung und Lockerung von Konventionen, wie beispielsweise die neue Konfektionskleidung von der Stange, die lange Anproben beim Schneider obsolet werden lässt. Dennoch sind T. Vater und seine Mutter in den gesellschaftlichen Rollen, die ihnen ihr Stand und ihr Geschlecht vorgibt, eingesperrt und unglücklich.
In der Familie herrscht die emotionale Sprachlosigkeit und Distanz.
Ich finde in „Vaterlos“ mehr als eine individuelle Aufarbeitung eines Suizids, wie ich es beispeilsweise erst kürulich bewegend in „Mein Bruder Wolf“ gelesen habe, sondern das Portät einer ganzen Familie eingebettet in ihre Zeit – und zurecht in der Kurzbeschreibung als „tiefer Blick in den deutschen Seelenspiegel“ bezeichnet.
Für mich ein absolut fesselndes Highlight.
„Das Unglück des Vater würde für immer unvergesslich bleiben. Und damit die hartnäckige Frage: Warum“
Ein großes Dankeschön an den Rowohlt Verlag für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Thomas Medicus für seinen Roman.





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