Mein erster visueller Eindruck von „Vom Fällen eines Stammbaums“ war unaufgeregt. Dickere Bücher betrachte ich sowieso mit Respekt, und „Vom Fällen eines Stammbaums“ hat rund 450 Seiten. Das Cover ist dezent gestaltet und nicht so, dass es direkt nach mir rufen würde.
Aber je tiefer ich in dieses Buch eintauche, desto mehr bin ich von der emotionalen Kraft gefesselt, die sich darin entfaltet. Und von der sprachlichen Kraft und Kunst des Autors Martin Piekar. Ich bin begeistert und nach dem Beenden davon überzeugt, dass der Roman eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis verdient hätte.
Für Martin Piekar, der bereits drei Lyrikbände veröffentlicht hat und als Lehrer arbeitet, ist es sein Debütroman.
In „Vom Fällen eines Stammbaums“ lässt er seinen autofiktional inspirierten Ich-Erzähler Marcin über seine enge und komplizierte Beziehung zu seiner Mutter sprechen. Ein Mutter-Sohn-Roman also, und zwar einer, der die Geschichte der Mutter in den Vordergrund rückt. Piekar nimmt sich sehr viel Zeit, die Figur der Mutter und ihre Lebensgeschichte zu schildern. Sie tritt dadurch förmlich plastisch aus den Seiten heraus und ich kann ihre Stimme mit dem polnischen Akzent hören.
Marcins Muttter wurde selbst im Gulag geboren und ist als junge Frau nach schweren und traumatisierenden Jahren in Polen nach Deutschland geflohen, um dort ihrem zweiten Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
In Deutschland arbeitet sie als Altenpflegerin, bis verschiedene gesundheitliche Probleme und ihre Alkoholkrankheit sie arbeitsunfähig machen. Der Ich-Erzähler beschreibt, wie er sich schon früh um seine Mutter kümmern muss, die er gleichzeitig liebt und als Belastung empfindet.
„Ich hatte meine Mutter. Familie ist ein brutales Konzept. Du wirst in eine Gruppe von Menschen geworfen und musst lernen, mit ihnen umzugehen. Der Umgang ist mal intensiver, mal vernachlässigbar. Und doch kann Familie einen Menschen brechen oder ermöglichen.“
Der Erzähler wird älter, genauso wie seine Mutter, und er beginnt ihre Geschichte und seine Herkunft zu hinterfragen. Gleichzeitig braucht seine Mutter immer mehr Pflege und Betreuung, was Marcin an seine Grenzen bringt.
Je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr rutscht der Erzähler in die Elternrolle für seine pflegebedürftige Mutter.
Piekar beschreibt die Mutter des Erzählers als komplexe Figur, die nur nach außen hin wie eine einfache, pragmatische und lebenslustige Frau scheint. Er zeigt sie in ihrer Verletzlichkeit, ihrer Schwäche und auch in ihrer Gebrochenheit.
„Die Geschichte meiner Mutter ist voller Traumata, und sie hat auch mich beschädigt. Und doch hab ich das Gefühl, dass es wertvoll ist, das zu wissen. Transgenerationale Traumata zu kennen, ist der erste Schritt, sie zu bewältigen – was auch immer das bedeuten mag. Sie zu kennen, ist wichtig. Sie waren nicht notwendig, aber sie sind jetzt nicht mehr wegzudenken.“
Die Weitergabe von transgenerationellem Leid ist ein Thema, das mich als Elternteil selbst intensiv beschäftigt und mich nicht loslässt.
Mich hat „Vom Fällen eines Stammbaums“ in seiner tiefen Durchdringung dieser Mutter-Sohn Beziehung und dieser Ehrlichkeit sehr berührt und auch in seiner sprachlichen Gestaltung absolut begeistert.
Ich lese viel und nicht alles bleibt mir im Gedächtnis. Marcin und seine Mama werden mich aber vermutlich noch eine Weile begleiten, denke ich.
Ein großes Dankeschön an den Rowohlt Verlag für das unscheinbare Rezensionsexemplar, das sich dann als Highlight entpuppte. Danke und viel Erfolg an Martin Piekar für seinen Roman!





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