Sie ist 14, ein Kind, eine Teenagerin. Er ist 46, ein erwachsener Mann und ein anerkannter Schriftsteller. Tanja und Eg begegnen sich auf einer Vernissage, die Tanja gemeinsam mit ihren Eltern besucht.
Da Eg ein alter Freund von Tanjas Eltern ist, kommen die beiden ins Gespräch und fangen nach ihrer Begegnung an, Briefe auszutauschen. Der viel ältere Mann zeigt sich in den Briefen gefühlvoll und ehrlich an dem Leben und den Gedanken des viel jüngeren Mädchens interessiert.
Tanja, die Ich-Erzählerin des Romans fühlt sich ernst genommen und als Erwachsene gesehen und entwickelt eine Schwärmmerei für den älteren Mann, der im Alter ihres Vaters ist.
Eg, der selbst eine Tochter im Alter von Tanja hat, aber alleine lebt, forciert immer wieder Begegnungen mit dem Mädchen und kommt ihr bald auch körperlich näher. Natürlich (!) kenne ich als Leserin seine Absichten und sie widern mich an.
„Es ist so wundervoll, dir beim Essen zuzusehen«, sagte er. Du bist so unverdorben. Du isst wie ein Kind.«“
Die Erzählerin beschreibt, wie sie mit 15 Jahren ihr erstes Mal mit Eg erlebt und wie sehr sie den älteren Mann zu lieben glaubt. Mir wird beim Lesen wirklich körperlich übel, so authentisch lässt Gernes die junge Tanja von ihren Gefühlen erzählen. Es ist klar, wie wenig ihre junge Persönlichkeit ausgereift ist und wie sehr sie dem wesentlich erfahreneren Eg ausgeliefert. Sie ist noch ein Kind. Mit den geringsten Mitteln kann er sie manipulieren und für seine rein egoistische und verantungslose Lust missbrauchen. Was Tanja erlebt, ist jahrelange sexuelle und psychische Gewalt. Und ich bin als Leserin Zeugin.
Ein Mädchen verließ das Zimmer
Die Erzählerin wird älter, begreift langsam, versucht sich von Eg zu lösen, was sich als schwierig erweisen wird. Noch schwieriger wird es, diese Jahre der sexuellen Gewalt, des Missbrauchs und der Täuschung zu verarbeiten. Es wird Jahrzehnte ihres Lebens, vielleicht sogar ihr Ganzes Leben beeinflussen.
Ich fand „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ eine extrem schmerzhafte Lektüre und eine sehr aufreibende. Der Roman steht in krassen Kontrast zu „Half his age“ von Jennette McCurdy, die ebenfalls eine altersmäßig ungleiche Beziehung thematisiert. Doch während McCurdy fast mit der scheinbaren Mündigkeit ihrer minderjährigen Erzählerin kokettiert und so ein herausforderndes und spannendes Setting erzeugt, stellt Gernes die Wehrlosigkeit ihrer sehr jungen Erzählerin heraus. Tanja ist mit 14 Jahren ein Kind und sollte beschützt werden. Sie sollte von ihren Eltern und ihrem Umfeld vor sexuellen Kontakten mit erwachsenen Männern geschützt werden. Aber genau das geschieht nicht. Ich bin entsetzt und bestürzt (aber nicht überrascht), dass Gernes das intellektuelle Milieu Anfang der 80er so beschreibt, dass „Beziehungen“ zwischen älteren Künstlern und sehr jungen Mädchen und Kindern normalisiert waren.
„Ein Mädchen verließ das Zimmer“ ist der Debütroman der dänischen Dichterin und es wundert mich nicht, dass er in ihrem Heimatland ein Bestseller geworden ist.
Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Übersetzung in Deutschland erfolgreich verkauft und empfehle dir den Roman sehr.
Vielen lieben Dank an den Gutkind Verlag für das gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Ulrikka Gernes für die deutsche Übersetzung ihres Romans!
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein






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