GELBE MONSTER von Clara Leinemann

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Gelbe Monster Clara Leinemann

Es gibt nicht mehr sooo viele Tabus in der zeitgenössischen Literatur. Gerade Frauen* haben in den letzten Jahrzehnten viele Gefühlslagen und Lebenssituationen intensiv literarisch exploriert, die somit endlich Teil eines öffentlichen Diskurses geworden sind. Dennoch gibt es noch viele Bereiche, in denen es starken Nachholbedarf gibt. Und es gibt blinde Flecken, die selbst von Feministinnen oft ausgespart werden.

Deswegen muss Charlie jetzt auch zum Antiaggressionstraining für Frauen. Was genau vorgefallen ist, wird erst nach und nach im Laufe des Romans enthüllt. Doch es ist klar, dass es etwas mit Charlies (Ex-?) Freund zu tun haben muss. Es gab einen Vorfall.

Seitdem wohnt Charlie bei ihrer Freundin Ella, die nicht mehr gut auf sie zu sprechen ist, und bemüht sich neben dem Antiaggressionstraining um einen Therapieplatz.

„Charlie googelt “schlechter Mensch”, das Internet sagt: Einen schlechten Menschen erkennt man an fehlender Empathie, manipulativem Verhalten, aggressivem Verhalten, mangelnder Verantwortungsbereitschaft und fehlenden moralischen Werten.“

In Rückblicken erfahre ich mehr über die Beziehung zwischen Charlie und Valentin. Ich kann lesen, wie sie zusammengekommen sind und wie Charlie eine immer stärkere Eifersucht und größeren Liebeshunger entwickelt. Es wird klar, dass Charlies ihr Selbstwertgefühl und ihre Wertigkeit komplett an die Beziehung zu Valentin koppelt. Das bringt sie dazu, als Pick-me Girl ohne eigene Bedürfnisse zu agieren, in Kombination mit emotionaler Erpressung als Kontrollmechanismus.

Valentin ist diesen Manipulationen nicht gewachsen und versucht die Beziehung zu beenden. Da muss Charlie zu härteren Methoden greifen, um sich seiner „Liebe“ zu versichern…

„Gelbe Monster“ war ein mega Highlight für mich, und zwar aus sehr persönlichen und für mich beschämenden Gründen. Ich konnte Charlies Gefühle sehr gut nachvollziehen und mich mit ihr ziemlich gut identifizieren. Ich habe schon sehr lange für mich erkannt, dass mein Verhalten sehr oft impulsgesteuert ist und dass ich daran arbeiten muss. Das ist ein mühsamer und langwieriger Prozess, der aber unbedingt notwendig ist. Charlie steht noch ganz am Anfang dieser Entwicklung, die Leinemann sehr authentisch beschreibt.

Mich haben besonders die ganz kleinen Szenen berührt, in denen Leinemann vorsichtig andeutet, woher die große Störung in Charlies Selbstwert kommen könnte.

Sehr gut hat mir auch die Gruppe der Frauen rund um das Antiaggressionstraining gefallen. An den verschiedenen Geschichten zeigt Leinemann, was der Unterschied zwischen einer mit Gewalt gezogenen Grenze zum Selbstschutz ist und der reinen Kontrollausübung mit Gewalt. Leinemann arbeitet meiner Lesart nach heraus, dass die Zwänge und Abhängigkeiten, denen Frauen* im Patriarchat unterworfen sind, keine Rechtfertigung für gewalttätiges Verhalten sein können. Dass die Geschlechterrollen in ihrem Roman im Gegensatz zu den statistischen Zahlen zu Partnerschaftsgewalt vertauscht sind, unterstreicht diese Lesart.

Leinemann, die bereits für ihr Theaterstück „Buddeln“ ausgezeichnet wurde und mehrere Stipendien für ihre Arbeit erhielt, verpackt ihr Thema in einem mitreißenden und starken Debütroman, der mich emotional sehr abgeholt hat.

Bitte mehr davon! 

  • Clara Leinemann
  • Gelbe Monster Clara Leinemann Klappentext

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2 Kommentare zu „GELBE MONSTER von Clara Leinemann“

  1. Avatar von Lieselotte Loewenherz
    Lieselotte Loewenherz

    Das ist eine ganz tolle Rezension!
    Ich würde das genauso unterschreiben.

    Und ja, ich fühle mich auch peinlich berührt, weil ich Charlie manchmal so gut nachvollziehen konnte und einige Verhaltensweisen (v.a. aus meinen ersten Beziehungen) erkenne.

    Mir hat das Buch inhaltlich und stilistisch auch sehr gut gefallen! 👍

    1. Avatar von Burnerdano

      Danke für deinen Kommentar! Ich fand es so toll, dass der Roman dieses Tabuthema so sensibel aufgreift. Es gibt so viele Bücher und Romane, die sich mit der Wut und der Gewalt von Männern* beschäftigt und ich glaube wirklich, dass manche Menschen denken, Frauen* hättten dieses Spektrum der Gefühlspalette gar nicht.