Die Ich-Erzählerin in „Anti Müller“ hat einen Kinderwunsch. Einen großen Kinderwunsch. Einen wahnsinnig machenden Kinderwunsch.
Das Blöde ist, dass sie schon Mitte dreißig ist und von Männern umgeben ist, die keinen Bock darauf haben, Vater zu werden. Zumindest jetzt noch. Und zumindest auch nicht mit ihr.
So wie Kar, der Ex-Freund der Erzählerin. Jahrelang hat er sie vertröstet, und dann irgendwann Schluss gemacht. Also zurück in die Tinder-/Bumble-/okCupid-Hölle. Mit Andi (Müller) könnte es vielleicht was werden. Blöd nur, dass er bereits zwei Kinder hat. Aber er könnte es sich durchaus vorstellen, noch mal Vater zu werden…irgendwann.
Anti Müller ist der zweite Roman der Schriftstellerin Yade Yasemin Önder, deren Debüt „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ ich jetzt dringend auch noch lesen möchte.
Denn ich finde ihren Stil irritierend anders, metamäßig doppelbödig und spannend. Und inhaltlich holt mich der Roman mit seiner feministischen Ausrichtung natürlich auch ab.
Es geht in „Anti Müller“ nicht nur um den mangelnden Willen von Männern, in puncto Kinderwunsch Verantwortung zu übernehmen, sondern generell von deren Möglichkeit, durch Verweigerung einfach weiterhin im Besitz unzähliger Privilegien zu bleiben. Fast satirisch zeigt Önder, wie performativ der Feminismus von woken boys zur Schau gestellt wird und wie wenig dahinter steckt.
Besonders deutlich wird das in ihren Beschreibungen des Literaturbetriebs. Denn ganz zufällig und praktischerweise ist die Erzählerin Schriftstellerin, deren Debütroman vom Feuilleton gut aufgenommen wurde und die jetzt an ihrem zweiten Roman arbeitet. So ist „Anti Müller“ ganz nebenbei eine kritische Bestandsaufnahmen der deutschen Gegenwartsliteratur.
„Wehe den glatt polierten Gedanken der Gegenwartsliteratur, die einen schon auf den ersten Seiten in das Buch rutschen lassen.“
Während der Kinderwunsch der Erzählerin immer drängender wird, wird sie immer verzweifelter und sie setzt sich ein drastisches Ultimatum. Kann vielleicht Sozial Freezing ein Ausweg sein?
Ich würde schon sagen, dass ich mit dem Thema Kinderwunsch so einige emotionale Expertise habe, und dass ich (leider) dessen irrationalen Auswüchse (so ein bisschen) kennengelernt habe. Allein deswegen feiere ich ja schon Romane, in denen der Kinderwunsch (so ein bisschen) irrational eskaliert.
Und wenn es dann noch so böse und literarisch hochpoliert passiert, bin ich natürlich besonders amused.
„Anti Müller“ ist vielleicht nichts für Leser*innen von stringent nachvollziehbar erzählten Geschichten, sondern für Neugierige, die sich an unkonventionellen Figuren und Erzählformen erfreuen und sich auch mit fragmentarischeren Passagen anfreunden können.
Vielen lieben Dank an parkXUllstein für das Rezensionsexemplar mit dem interessanten Cover. Danke und viel Erfolg Yade Yasemin Önder für ihren neuen Roman!





Schreibe einen Kommentar