Bei Romanen, die auf zwei oder mehreren verschiedenen Zeitebenen spielen und Gegenwart und Vergangenheit oft thematisch miteinander verbinden, bin ich oft skeptisch. Zweifellos sind beispielsweise „Unbeugsam wie die See“ oder auch „Die Riesinnen“ wunderschön erzählte Romane, mir waren aber die Figuren und Geschichten zu flach, und sie waren (mutmaßlich) an eine Leserschaft adressiert, der scheinbar nur positive Plotverläufe zuzumuten sind.
Bei „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras empfand ich das anders und er war für mich einer der schönsten und mitreißendsten Romane dieser Art in der letzten Zeit.
Sie wählt für ihre Erzählebene der Gegenwart eine Protagonistin, mit der ich mich gut identifizieren kann. Vio ist eine junge Mutter und fürchterlich geplagt von Schuldgefühlen, seit sich ihre kleine Tochter bei einem Unfall im Gesicht verbrüht hat. Die sichtbaren Narben der Kleinen erinnern Vio immer wieder daran, dass es ihre Tochter in unserer auf Oberflächlichkeit und makellose Schönheit fokussierten Gesellschaft vermutlich schwerer haben wird.
Etwas, das sie auf keinen Fall für ihre Tochter wollte, denn mit Ausgrenzung und schwierigeren Startbedingungen hat Vio als aus Rumänien eingewandertes Kind selbst Erfahrungen gemacht.
In Rückblicken kann ich von Vios Kindheit und ihrer schwierige Jugend lesen, in der Anpassung und Äußerlichkeiten schon immer eine essentielle Rolle spielten.
Das schönste aller Leben wünschen wir uns doch alle
Auf der zweiten Zeitebene erzählt Boras die Geschichte von Theresia, die im 18. Jahrhundert in der Nähe von Wien nach dem frühen Tod ihrer Mutter in einer Ziehfamilie aufwächst. Als uneheliches Kind hat sie einen schweren Stand, und später als junge Frau sind ihre Optionen begrenzt. Ihre Schönheit und Intelligenz scheinen ihr weitere Türen zu öffnen, doch letztendlich wird das patriarchale System dafür sorgen, dass sie einen hohen Preis für ihre Wirkung auf Männer zahlen muss.
Die Geschichten beider Frauen und der Müttern und Töchtern vor und nach ihnen haben mich sehr mitgenommen und bewegt. Das liegt auf der einen Seite an Boras wunderbarem Erzählstil, der es mir leicht macht, vollständig in den Roman einzutauchen und auf der anderen Seite an der Universalität dieser Frauenschicksale. Theresias Erlebnisse im Arbeitslager im rumänischen Banat beruhen auf historischen Tatsachen, und auch Vios Erfahrungen, die sie und ihre Eltern als Migrant*innen in Deutschland machen, sind leider nicht einzigartig.
Mir gefällt es auch sehr, sehr gut, dass Boras das Thema „Schönheit“ und das Pretty Privileg, das heute damit einhergeht, zum roten Faden in ihrem Roman macht. Sie zeigt verschiedene Facetten, wie unser Aussehen unser ganzes Leben beeinflussen kann und wie sehr Frauen* dadurch determiniert werden. Ganz wunderbar auch die Verknüpfung dann mit dem generationenübergreifenden Thema Mutterschaft, das mich persönlich komplett abgeholt und sehr berührt hat.
Ich finde, Betty Boras hat mit „Das schönste aller Leben“ einen ganz, ganz wunderbaren Roman, der Spannung, Emotion und Literatur aufs trefflichste miteinander verbindet, geschrieben.
Ich hoffe sehr, dass noch weitere folgen werden!
Vielen lieben Dank an Hanser Blau für das schöne Rezensionsexemplar. Ein großes Dankeschön an Betty Boras für diesen Roman, dem ich ganz viel Erfolg und Leser*innen wünsche!





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