„Der Riss“, im Koreanischen Original bereits 2016 erschienen, lag jetzt bereits länger ungelesen in meinem Bücherregal. Die Kurzbeschreibung hatte mich vor einiger Zeit so angesprochen, dass ich dem Roman als reduziertem Mängelexemplar nicht widerstehen konnte (Bookies with Subs know, what I’m talking about 😅).
Dabei finde ich jetzt nach dem Lesen, dass die Kurzbeschreibung nicht besonders treffend ist. Ich fand den Roman noch um einiges komplexer und auch überraschender, als ich mir vorgestellt hatte.
Die Geschichte startet, als Ogi, ein verheirateter Mann Ende vierzig, schwer verletzt in einem Krankenhaus erwacht. Er hatte einen Autounfall, bei dem seine Frau ums Leben gekommen ist. Ogi kann aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr sprechen und sich nicht mehr bewegen. Seine Rekonvaleszenz wird langwierig und unsicher werden.
Sein altes, gut situiertes Leben gehört der Vergangenheit an.
„Wie kann sich ein Leben von einer Sekunde auf die nächste so dramatisch verändern? Wie fällt es auseinander, bekommt einen Riss, wie schrumpft es einfach zusammen, bis es sich im Nichts auflöst?”
Ogi hat viel Zeit, an seine Frau, mit der er eine gute und liebevolle Ehe führte, und an seine Vergangenheit zurückzudenken.
Ogis eigene Eltern sind schon länger tot. Seine Mutter hatte sich mit Tabletten das Leben genommen, als er noch ein Junge war, was er seiner Frau und Schwiegerfamilie lieber verschwiegen hatte. Jetzt ist seine Schwiegermutter die einzige Angehörige, die er noch hat und die sich aufopferungsvoll um ihn kümmert.
„Seine Schwiegermutter war wortkarg und introvertiert, und er war zugegebenermaßen keine sehr herzliche Person. Er hatte kein Interesse gehabt, ihr Verhältnis zu ändern.“
Ogis Schwiegermutter zieht schließlich zu ihm ins Haus, um den Bettlägerigen vollumfänglich zu pflegen.
Oder?
Vieles erweist sich im Laufe des Romans als nicht so wie es scheint. Hye-Young Pyun dringt unglaublich subtil immer tiefer zum Kern von Ogis Beziehungen vor. Dabei ist nicht immer ganz klar, ob dessen Wahrnehmungen und Erinnerungen der Realität oder seinem Wunschdenken entsprechen.
Nach meiner Lesart ist “Der Riss” letztendlich sogar ein feministischer Roman. Warum ich das denke, kann ich hier aber nicht ohne größere Spoiler enthüllen.
Leider ist “Der Riss” 홀 bis jetzt der einzige ins Deutsche übersetzte Roman der renommierten und als subversiv geltenden südkoreanischen Schriftstellerin.
Falls der Roman auch bei dir zu Hause noch ungelesen auf einem Stapel liegt, gib ihm doch mal eine Chance!
Erschienen 2019 beim btb Verlag und Penguin Bücher.
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee





Schreibe einen Kommentar