Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Witwer von Chaltouva sind nicht etwa die Ehemänner von verstorbenen Frauen, sondern eine Art riesige, urzeitliche Fische, die ich mir wie große Welse vorstelle.
Diese Fische kommen Jahr für Jahr auf ihrer Wanderung durch die Ville an dem Dorf Chaltouva vorbei, wo dann sie dann von den Männer des Dorfes in einem traditionellen Wettangeln aus dem Fluß geholt werden. Dieses Angeln, bei dem es manchmal um Leben und Tod geht, hat große Tradition und Bedeutung.
“Das erfolgreiche Überwinden des Fisches durch reine Muskelkraft und Willensstärke manifestiert die körperliche Leistungsfähigkeit des Individuums.” – und natürlich seiner Männlichkeit.
Ansonsten haben die Menschen des Dorfes wenig zu lachen. Die fetten Jahre sind längst vorbei, das Dorf ist im Niedergang. Die Welt von Heucherts Roman ist eine Art Karikatur eines mittelalterlichen, vorindustriellen Zeitalters, wie ich es auch aus Hollywoodfilmen kenne. Grob, düster und schlammig, voller lumpiger Gestalten, Spelunken und Brutalität.
Wer sind die Witwen von Chaltouva?
In diese tumben Trostlosigkeit setzt Heuchert ein junges Liebespaar, Klara und Max. Ihre Väter sind gegen die Verbindung, und die beiden treffen sich heimlich. Sie träumen davon, das Dorf zu verlassen und die vorgezeichneten Pfade ihrer wenig vielversprechenden Zukunft zu verlassen. Doch gerade Max, der soeben einen brutalen Initiationsritus durchlaufen hat, tut sich schwer damit, mit dem Vater und der Tradition zu brechen. Doch er fühlt auch, dass er im Dorf innerlich zu Grunde gehen wird, genauso wie die Männer vor ihm.
„Was hält ihn noch hier? Ist es die stumpfsinnige Gewohnheit, das laue Lüftchen des Erwartbaren, des Gleichförmigen; ein Leben wie ein Backstein, einmal geformt und ausgehärtet, bleibt es, wie es ist und immer schon war. Es ist das Blut, die Gewohnheit, das Gefühl, schon klein geboren worden zu sein und immer klein bleiben zu müssen.”
Obwohl Heucherts Roman in einer nicht näher definierten Vergangenheit spielt, find ich ihn bedrückend aktuell: Der Kölner Autor erzählt von Männern, die hinter den Floskeln von Männlichkeit ihre innere Leere, Angst und Einsamkeit verstecken.
„Aber weder haben sie die Kraft, den Lauf der Dinge aufzuhalten, noch verfügen sie über eine Vorstellung davon, was eigentlich mit ihnen geschieht. Nur dieses seltsam unbestimmte Gefühl bleibt, es nagt und frisst an ihnen, macht sie ganz kirre. Sie finden keine Antworten auf die Fragen, die sie nicht stellen.“
„Die Witwer von Chaltouva“ ist brachial und gewaltig, spannend und mitreißend und hat mich sehr positiv überrascht. Definitiv werde ich nach weiteren Romanen des Autors Ausschau halten. Wenn dir Romane wie „Nordwasser“ von Ian McGuire und „Hundswut“ von Daniel Alvarenga gefallen haben, könnte der Roman auf jeden Fall was für dich sein!
Vielen lieben Dank an die Ullstein Buchverlage für das Rezensionsexemplar mit dem wunderbaren Cover. Danke und viel Erfolg an Sven Heuchert für seinen neuen Roman!





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