Einer der Romane, die ich dieses Jahr am sehnsüchtigsten und gespanntesten erwartet hatte, war der zweite Roman von Ruth-Maria Thomas. Ihr Debüt „Die schönste Version“ hat mich komplett begeistert und es stand meiner Meinung nach völlig zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2024. Ihr neuer Roman „Die zweitgrößte Liebe“ ist weniger intensiv und weniger dramatisch, aber ebenfalls schmerzhaft und emotional.
Thomas liebt die gebrochenen Figuren, und auch ihre neue Protagonistin Michelle ist eine Frau mit wechselhafter Vergangenheit. Sie hat den Tod ihrer Mutter noch nicht verarbeitet und nachdem ihre Selbstständigkeit mit einem kleinen Schmuckladen gescheitert ist, muss sie jetzt noch länger Schulden abbezahlen. Um diesen schmerzhaften Erinnerungen zu entkommen, zieht sie in eine andere Stadt und arbeitet in einem Hotel als Rezeptionistin.
Auch mit Männern hat sie nicht viel Glück, aber sie nimmt sich was sie von ihnen braucht.
Bis sie den attraktiven und liebenswürdigen Henry kennenlernt und sich die beiden ineinander verlieben. Was als heiße Bettgeschichte begann, geht bald tiefer und Michelle merkt, dass Henry aus ganz anderen finanziellen und familiären Verhältnissen stammt, als sie selbst.
Let‘s name it: Henry stammt aus einer wohlhabenden Familie und hat mit seinem langweiligen aber gut bezahlten Beruf keinerlei finanzielle Schwierigkeiten.
Er hat selbst nie erwogen, den ihm vorbestimmten Weg zu verlassen, und ihn faszinieren Michelles spontane Energie, die Kreativität, und ihre unverstellte Ehrlichkeit. Auch in Henrys Familie wird Michelle warm aufgenommen und sie fühlt sich dort geborgen und willkommen. Das Paar führt eine stabile, sichere und liebevolle Beziehung.
Henry ist bereit für den nächsten Schritt, wie er sich ihn in einer sicheren Beziehung vorstellt, als Michelle ein vielversprechendes berufliches Angebot erhält, das die tiefen Gräben in ihrer Beziehung offenbart…
Nur die zweitgrößte Liebe?
Es ist schon fast unheimlich. So sehr wie ich mich schon mit Jella aus Thomas‘ erstem Roman sehr identifizieren konnte, so konnte ich es genauso mit Michelle. Ich kenne ihre Struggles und die Macht ihrer Prägung und Herkunft nur zu genau und finde sie in Thomas‘ Roman authentisch eingefangen.
Ich liebe es, wie sie beschreibt, wie sich Henry und Michelle gegenseitig ergänzen und voneinander lernen und aneinander wachsen. Und gleichzeitig die gravierenden Unterschiede ihrer verschiedenen Startbedingungen herausarbeitet, ohne einen der beiden zu verurteilen.
Wobei, nicht ganz. „Die zweitgrößte Liebe“ ist ein feministischer Roman und Thomas nutzt ihre Geschichte um zu unterstreichen, dass mit Henrys Möglichkeiten, die er so gerne mit Michelle teilen möchte, doch immer eine, wenn auch vielleicht unbewusste, Erwartungshaltung mitschwingt. Thomas impliziert, wie sich Henry ein gemeinsames Familienleben mit einem Kind vorstellen würde. Nämlich so, wie die meisten Männer mit einer beruflich wie finanziell schlechter gestellten Partnerin es tun und wie dann auch die Rollenverteilung bei der Kinderziehung dann nachweislich in der Realität ausfällt.
Aber ich schweife ab, das ist nicht das Thema in Thomas‘ Roman. Vielmehr stellt sie die Frage in den Mittelpunkt, ob und wie die Liebe die Unterschiede unserer Herkunft überwinden kann und ob wir bereit sind den Preis dafür zu zahlen.
Ich fand den zweiten Roman von Ruth-Maria Thomas auch wieder richtig großartig und mit vielen Anknüpfungspunkten zum Nachdenken und Diskutieren. Ob mit oder ohne Identifikationspotential.
Ein großes Dankeschön an den dtv Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Ruth-Maria Thomas für ihren Roman!





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