Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen von Christien Brinkgreve

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Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen Christien Brinkgreve

Nach dem Tod ihres Mannes schaut sich Christien Brinkgreves in ihrem Haus um. In dem Haus, in dem sie seit Jahrzehnten mit ihrem Mann gewohnt hat, in dem sie ihre Kinder großgezogen hat und in dem sie ihren Mann bis zu seinem Tod gepflegt hat.

Jetzt muss sie seine Hinterlassenschaften aussortieren, doch die Aufgabe überfordert sie.

All die Gegenstände, Dokumente und Briefe aus dem langen Leben ihres Mannes wecken viele Erinnerungen an ihre Ehe und ihr gemeinsames Leben.

Und in „Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ versucht die Autorin und Professorin für Soziologie Christien Brinkgreve genau das. 

„Ich hatte hier eine Aufgabe zu erledigen, ich hatte das Haus vernachlässigt, und auch mich selbst. Ich musste meinen Platz zurückerobern. Nicht wieder flüchten, wie ich es bisher getan hatte.“

Dieses Buch von Christien Brinkgreve hat von allen Lektüren der letzten Wochen bei mir die meisten Denkprozesse angestoßen. Obwohl Brinkgreve nach dem Tod ihres Mannes an einem ganz anderen Punkt als ich in ihrem Leben steht, finde ich unglaublich viele Parallelen und Identifikationsmomente. Brinkgreve schreibt auch über die Zeit, als ihre Kinder noch klein waren. Und sie als junge ehrgeizige Akademikerin unbedingt vermeiden wollte, das Schicksal ihrer Mutter als depressive Hausfrau zu teilen. Mit viel Energieaufwand und Verzicht gelingt es ihr, ihre akademische Karriere weiter zu verfolgen und gleichzeitig für ihre Familie da zu sein.

Erst im Rückblick fällt ihr auf, welchen Preis sie dafür gezahlt hat und denkt darüber nach, wie ihr Mann diese Jahre möglicherweise erlebt hat. Sie berichtet von der Kraft, die es sie gekostet hat, immer wieder gegen die Widerstände anzukämpfen, die sie in ein altes Rollenbild drängen wollten. Ihr Mann ist auf der einen Seite stolz auf seine intellektuelle und beruflich erfolgreiche Ehefrau, auf der anderen Seite unterstützt er sie im konkreten Alltag wenig und legt sehr viel Wert darauf, der überlegene und erfolgreichere Part der Beziehung zu sein.

Ein Mechanismus, der sich über die gemeinsam verbrachten Jahrzehnte tief eingegraben hat.

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen – und das Haus

Mich berührt, wie ehrlich Brinkgreve ihre Gefühle beschreibt. Wie ungeschönt sie die letzten gemeinsamen Jahre und die Zeit vor dem Tod ihres Mannes beschreibt. Von dem Liebespaar ihrer jungen Jahre ist nicht viel übrig.

“Der Mann, in den ich mich verliebt habe – wo ist er geblieben? Wann ist er verschwunden? Und wo ist die Frau geblieben, die ich einmal gewesen bin?”

Ich denke, das sind Gedanken und Gefühle, mit denen sich viele Frauen* identifizieren können. Es macht mich betroffen, dass Brinkgreve, die einer anderen, älteren Generation als ich angehört, schon mit diesen Ambivalenzen zwischen Beruf, Familie und dem eigenen Selbst zu kämpfen hatte. Und sich in den vergangenen Jahren viel zu wenig zu geändert zu haben scheint. 

Auch Julia Schoch erzählt von diesen komplexen Gefühlswelten in  „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ in autofiktionaler Form. Ein Roman, den auch Brinkgreve gelesen hat und in ihrem Buch referenziert.

Sehr stark und gleichzeitig unendlich traurig fand ich die Beschreibung der letzten gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann. Von der Zeit, als die Resignation und die Machtlosigkeit gegenüber ihrer Beziehung und über das Chaos im Haus beide schon länger überwältigt hatte.

Brinkgreve erkennt, wie sehr ihre eigene Stärke im Kontrast zu seiner stand. Er, der nur außen stark, erfolgreich und talentiert war, “nach außen viel geschafft, von innen dem Leben nicht gewachsen”.

Ist das der Grund, warum sie zusammen geblieben sind, er immer an ihr festgehalten hat?

“Weil Hilflosigkeit nicht ertragen wird, kettet man die andere Person an sich.”

Auch das sind Strukturen, in denen sich vielen Menschen in langen Beziehungen vielleicht wieder finden. Ich tue es auf jeden Fall und denke viel darüber nach. Denn was fordert es für Konsequenzen?

Ich mochte die tiefen Reflektionen und die fein nuancierten Gedanken von Brinkgreve unglaublich gerne und sie haben mich bereichert. Etwas, das ich, die Bücher viel zur Unterhaltung und Weltenflucht konsumiert, nicht so oft über Bücher sage.

  • Christien Brinkgreve
  • Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen Christien Brinkgreve Klappentext

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