Nach „I‘m glad my Mom died“, das ich sensationell gut fand, war das Romandebüt „Half his age“ von Jennette McCurdy ein Must-Read für mich, seit ich es in der Vorschau gespottet hatte.
Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Und auch wenn „Half his age“ mich emotional lange nicht so abgeholt hat wie die Autobiografie der Schauspielerin und Autorin, war der Roman ein super spannender Pageturner!
McCurdys Ich-Erzählerin Waldo ist 17 Jahre als und besucht die Highschool. „Waldo ist gierig. Notgeil. Direkt. Naiv. Weise. Impulsive. Einsam. Wütend. Stark. Verletzt. Clever“ steht auf dem Klappentext (klar muss ich so ein Buch lesen).
Und vor allem lebt Waldo ein Leben, dass sie selbst als typisch White-trash bezeichnet. Sie wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter in einem Trailer Park auf und lebt jetzt gemeinsam mit ihr in einer kleinen Wohnung.
Waldo jobbt in einer heruntergekommenen Mall in einem Victoria-Secrets Store um Geld zu verdienen. Ihre Mutter ist mit ihren Männergeschichten beschäfftigt und keine Ansprechpartnerin für ihre Tochter.
Waldo ist einsam und lost und hat keine Ahnung, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen soll. Sie versucht es mit Sex und wahllosem Insta-Shopping.
Aber sie ihren neuen Englisch Lehrer Mr. Korgy kennenlernt ist sie elektrisiert. Sie will diesen vierzigjährigen Mann, der offen vor der Klasse zugibt, dass er mit seinen Schriftstellerträumen gescheitert ist.
Waldo versucht alles, um mit ihrem verheirateten Lehrer eine Affäre zu beginnen. Mit Erfolg. Es ist der Beginn einer absolut toxischen Beziehung.
„Und dann reite ich ihn wie das brave Mädchen, das ich bin. Das Mädchen, das ihn liebt. Das nur ihm gefallen will. Es ihm leichter machen will. Genau das sein will, was er möchte und was er braucht. Das Mädchen, das hofft, dass er es vielleicht auch lieben wird, wenn es sich in eine Puppe, einen Traum, eine Marionette mit toten Augen und Porzellanhaut verwandelt, ohne eigene Bedürfnisse, eine Puppe, die seine Fantasien verkörpert und sein Sperma schluckt.“
Jennette McCurdy schreibt in „Half his age“ sehr (!) explizit und viel über Sex, mir gefällt das sehr. Sehr explizit schreibt sie aber auch über die Machtverhältnisse in der Beziehung zwischen Waldo und Mr. Korgy und über die wir uns als erwachsene Leser*innen, anders als Waldo, keine Illusionen machen.
Ist „Half his age“ ein Coming-of-age Roman?
McCurdy zeigt krass die Verlorenheit und Hilflosigkeit ihrer Erzählerin, die den Versprechungen einer kapitalistischen Werbegesellschaft glaubt, nur die richtige Lippenstiftfarbe und die passende Skin Care stehe zwischen ihr und einem erfüllten Leben. Und ein erfülltes Leben ist laut den Gesetzmäßigkeiten einer sexistischen Weltordnung, bedeutet von einem Mann gewollt und begehrt zu werden.
In Waldo Vorstellung und Lebensrealität ist die einzige Macht, die sie jemals erreichen kann, die über das sexuelle Begehren eines Mannes.
Ich kann schlecht einschätzen, ob McCurdy mit ihrer sexuell proaktiven und fordernden Protagonistin bewusst provozieren möchte, denn eigentlich denke ich, dass Waldos Verlorenheit und innere Leere sofort deutlich ist. McCurdy führt das mit dem Bild der jugendlichen Verführerin älterer Männer, wie sie oft als Fantasie in Romanen männlicher Autoren zu finden ist, vor.
Im Laufe des Romans verfolge ich gleichermaßen traurig wie fasziniert die unausweichlichen Erkenntnisse und Entwicklungen der Erzählerin und ihrer „Beziehung“. Auf den letzten Seiten verliert der Plot meiner Meinung nach leider etwas an Spannung und Waldos Geschichte wird etwas zu unausgegoren zu Ende gebracht.
Aber ich hatte definitiv eine fesselnde und aufregende Lesezeit mit dieser „american novel“ und hoffe doch, dass McCurdy ihre Arbeit als Schriftstellerin weiter verfolgen wird.
Ein großes Dankeschön an Blumenbar der Aufbau Verlage für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Jennette McCurdy für ihren Roman!
Aus dem Amerikanischen Englisch von der Autorin, Lektorin und Übersetzerin Olivia Kuderewski





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