Emma Cline ist für mich eine moderne und begeisternde junge Schriftstellerin, die ich sehr mit amerikanischer Literatur verbinde. Ihr Debüt „The Girls“ und „Die Einladung“, die mir beide sehr gefallen hatten, spielen in typisch amerikanischem Setting und behandeln und spiegeln verschiedene soziale und gesellschaftliche Stimmungen wieder. Umso mehr hat es mich gewundert, dass der Titel ihres neuen Romans „In die Schweiz“ lautet, aber schon nach ein paar Seiten löst sich meine Irritation auf.
Clines Protagonist David (diesmal ebenfalls überraschend für eine für mich feministisch gelesene Schriftstellerin eine männliche Erzählperspektive) ist ein typischer, reicher, älterer US-Amerikaner, der sich auf dem Weg in die Schweiz befindet.
Was er dort vorhat, ist allerdings vielleicht nicht ganz so typisch. Bei ihm wurde eine Form der Demenz diagnostiziert, die sich rapide verschlechtern wird, bis sich sein Ich komplett aufgelöst hat und sein Gehirn auch seinen Körper nicht mehr steuern kann. Deshalb möchte er in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Cody, sein junger persönlicher Assistent, begleitet ihn auf seiner Reise, die David wegen seines zerfallenden Verstandes gar nicht mehr alleine bewältigen könnte.
Bevor er sein Vorhaben umsetzt, will er noch seine Tochter in der Schweiz besuchen. Und es stehen noch weitere Begegnungen aus seiner Vergangenheit auf dem Programm…
Cline fokussiert sich in ihrem neuen Roman komplett auf die Innenperspektive Davids, dessen Verstand immer weniger zwischen Gegenwart und Vergangenheit unterscheiden kann. Immer wieder drängen Erinnerungen aus seiner Kindheit, Jugend und Ehe an die Oberfläche. Kleine Details und Gerüche reichen aus, um eine Kaskade an Erinnerungsassoziationen auszulösen, die sich mit der Gegenwart vermischen.
In die Schweiz – und dann?
Wie Cline das literarisch umsetzt, finde ich unglaublich gelungen und auch spannend. Sonst passiert wenig Spannendes an äußerer Handlung, was vielleicht manche Leser*innen als langweilig empfinden könnten. Mich begeistert aber Clines Art, immer wieder subtile Andeutungen zu streuen, wirklich sehr.
Immer wieder gibt es Hinweise auf Davids unterdrückte Homosexualität, die er nur in seiner Jugend ausgelebt hat. Ganz anders Davids Assistent Cody, der offen homosexuell mit einem Partner zusammenlebt. Sehr interessant auch die Begegnung mit Davids erwachsener Tochter, die wohl ebenfalls eine heimliche Beziehung mit einer Frau hat, wie David verschwommen realisiert.
Gerade in den letzten Kapiteln berührt mich Davids Verletzlichkeit am Ende seines Lebens. War es ein gutes und gelebtes Leben? Welche Erinnerungen bleiben ihm am längsten in seinem sich verkalkenden Gehirn?
Ich selbst habe vermutlich (was heißt vermutlich, das ist sicher) weniger Leben vor mir als hinter mir und habe mittlerweile selbst einen Fundus an Erinnerungen, von denen manche sich hartnäckiger halten als andere oder mir unerwünscht immer wieder ins Gedächtnis kommen.
Ich finde, „In die Schweiz“ ist bis jetzt Emma Clines bester und emotionalster Roman, der tief in die schwindende Welt eines Menschen blickt.
Mochte ich sehr ! Meiner Meinung nach völlig zu Recht auf der Longlist für den Booker Prize 2026!
Ein großes Dankeschön an Hanser Literatur für das wunderbare Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Emma Cline für ihren Roman!
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl





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