“Die Königin der Nacht” ist mein erster Kontakt mit dem Schweizer Dramatiker und Romancier, der in der Autorenbeschreibung als “streitbarer Publizist” beschrieben wird. Während meiner Recherche stoße ich gar auf den Begriff “Wutbürger der Schweiz”.
Sein Stil wird als kompromisslos beschrieben und seine Aussagen und Haltungen gelten als drastisch und radikal.
In “Königin der Nacht” zeigt sich diese Kompromisslosigkeit in der schonungslosen, dokumentarischen Härte des Buches und in seiner vorgebrachten Gesellschaftskritik.
Denn in dem autobiografischen Essay erzählt Bärfuss von der dysfunktionalen Beziehung zu seiner Mutter und von seinem Aufwachsen im Schatten dieser kalten Königin.
“Warum gibt es für seine Sorgfalt keinen Bedarf, warum fragt niemand nach seiner Zärtlichkeit, warum spielt es keine Rolle, was er gelesen hat, was er denkt?”
Es ist zweifellos eine harte und düstere Kindheit und Jugend ohne jegliche Liebe und Zuwendung und mit wenig Zukunftsperspektiven.
Auch als Erwachsener ist für Bärfuss eine Annäherung an die Mutter, die mittlerweile in der Halbwelt im Ausland lebt, nicht mehr möglich.
Wer war die Königin der Nacht?
Die Distanz bleibt bis zum Tod der Mutter und darüber hinaus. Und doch erkennt Bärfuss seine Mutter als den Menschen, der ihn entscheidend geprägt hat.
“Eine Mutter ist, was man nicht loswird.
Auch nicht mit dem Tod.”
Ich hatte während des Lesens schon überlegt, wie ich meine kritischen Gedanken formulieren könnte, denn die ersten zwei Teile von Bärfuss’ Essay schienen mir zu wenig gesellschaftskritisch und reflektierend hinsichtlich der Lebenssituation seiner Mutter. Doch im letzten Teil zerbombt der Autor diese Kritikpunkte geradezu, denn er prangert sehr, sehr deutlich an, wie eine patriarchale und kapitalistische Gesellschaft seine schwächsten Glieder nicht schützt, sondern ausbeutet und demütigt.
“Das Land, in dem du lebst, verfolgt die Schwachen. Hüte dich! Sei stark! Wenn du eine Frau bist, sei doppelt stark! Wenn du homosexuell bist, sei doppelt stark! Wenn du eine falsche Nationalität hast – verschwinde! Wir machen den Schwachen das Leben zur Hölle!”
Dieser letzte Teil ist für mich das emotionale Highlight des Buches und sorgt dafür, dass ich es auch dir empfehlen will.
Ich würde „Königin der Nacht“ in einer Reihe mit dem großartigen „Mameleben“ von Michel Bergmann oder mit dem bewegenden „Abschiede von Mutter“ des Schweizer Rappers und Autors Gian-Marco Schmid nennen. Sie alle beschäftigen sich autobiographisch mit dem schwierigen Verhältnis zu ihren Müttern und der Ambivalenz von Liebe und Schmerz.
Vielen lieben Dank an den Rowohlt Verlag für das sehr gewünschte Rezensionsexemplar. Danke und viel Erfolg an Lukas Bärfuss für sein Buch!





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